Wann ist die Trauer endlich zu Ende?

Meine Frau ist heute vor 227 Wochen gestorben. Und in diesen 4 Jahren und 4 Monaten habe ich mich oft gefragt:

Wann ist die Trauer endlich zu Ende?

Vielleicht fragen Sie sich das auch gerade, wenn Sie dies hier lesen.

Ich kann hier nur von mir schreiben. Andere Trauernde werden es wahrscheinlich völlig anders erleben.

In diesem Jahr 2019 war bislang bei mir die Trauer substantiell weniger als in den 3¾ Jahren davor (2015 bis 2018).

Ich könnte auch sagen: Meine Trauer hat knapp 200 Wochen gedauert.

Anfang dieses Jahres schrieb ich: „2019 ist das Jahr des Entrümpeln, des Wegwerfens, des Aufräumens. Jeden Tag ein Schrankteil, eine Schublade, usw. – durch alle Zimmer, Keller, Dachboden.“

Fast fünf Monate habe ich entrümpelt, weggeworfen, aufgeräumt: viele Sachen von mir und von meiner Frau.

Das war ungeheuer befreiend und erleichternd.

Dazu zwei Reisen, die lange gewünscht waren und nichts mehr mit meiner Frau zu tun hatten. Es waren meine Reisepläne, die ich umgesetzt hatte.

Ich denke noch oft an meine Frau, aber diese Wehmut, diese Sehnsucht und Traurigkeit ist inzwischen die meiste Zeit verschwunden. Ich habe mein Leben wieder „in die Hand“ genommen: ich plane Neues, und es macht wieder Freude.

Klar ist: die Trauer wird irgendwann mal wieder zurückkommen, aber das ist für mich absolut in Ordnung, und es wird mich nicht erschrecken. Solche kleineren Trauerepisoden würde ich zur ursprünglichen Trauerzeit nicht mehr dazurechnen.

Ich bin momentan die wichtigste Person in meinem Leben, und ich muss das Beste aus meinem restlichen Leben machen. Ich bin allein dafür verantwortlich, niemand sonst. Und das hat nichts mit Egoismus zu tun.

Es ist mein Leben. Und eine neue Beziehung ist für mich kein Thema. Wenn es sich ganz zufällig ergeben würde: vielleicht. Man soll ja niemals „Nie“ sagen. Aber mit fast 70 sollte man auch ein wenig Realist sein.

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It’s a bittersweet symphony – this life

Nächstes Jahr werde ich 70, und ich kann sagen: Viel Wahres in diesem Songtext.

Ein Unbekannter schrieb zum Original-Songvideo folgenden Kommentar – und ich kann ihm zu 100% zustimmen (Übersetzung in’s Deutsche):

This is a brilliant song. It is about the feeling of being trapped and powerless to change your behavior or your life due to circumstances beyond your control. It is about the sense of desperation you feel as your life passes before your eyes and you struggle unsuccessfully to control and shape it. It is about the perpetual conflict between the path you want to follow and the path you are compelled to follow.

Original: The Verve – Bitter Sweet Symphony, 1997
Autor: Richard Ashcroft
Musik: Mick Jagger, Keith Richards

Diese Dance/Electronic-Version:
Gamper & Dadoni – Bittersweet Symphony (feat. Emily Roberts), 2019

Veränderungen

Meine Tochter und ihre Familie haben sich entschieden, für einige Jahre und „open end“ in die Heimat ihrer Mutter bzw. meiner Frau auszuwandern. Mein Schwiegersohn hatte dort ein attraktives Stellenangebot gefunden, und er wurde akzeptiert. Inzwischen sind meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelin in ihre neue Wahlheimat geflogen. Sie müssen ihren Lebensweg selbst finden – da habe ich nichts hineinzureden.

Aber ihr Weggang und ihre große räumliche Distanz schmerzen mich schon, auch in Zeiten von Messenger, WhatsApp & Co. Ich muss damit irgendwie klarkommen. Einfach wird das nicht.

Norwegen

Vier Jahre und mehr als drei Monate sind nach dem Tod meiner Frau vergangen.

Zu Beginn dieses Jahres habe ich einen Neubeginn für mein eigenes Leben angepackt. Zuerst einige Monate des Entrümpeln, des Wegwerfens, des Aufräumens. Das hatte etwas ungeheuer Befreiendes. Nicht dass ich nur Dinge weggeworfen habe, die einmal meiner Frau gehörten. Es waren weitaus mehr Dinge, die mir gehörten. Vieles hat jetzt einfach keine Bedeutung mehr.

Dann war ich im April auf den Kanaren und Madeira. Nun, zwei Monate später, war ich zehn Tage in Norwegen. Beide Ziele waren neu für mich und waren langgehegte Reisewünsche.

Besonders die Norwegenreise hat meiner Seele gutgetan.

Das mehr oder minder angenehme Leben zu Hause hat oft zu wenig neue visuelle Reize, hat zu viel Routine, verleitet zum Grübeln und zu einem schädlichen Schongang.

Die unendliche Weite der Landschaft, des Himmels oder des Meeres hat etwas enorm Beruhigendes. Das Leben in Norwegen hat eine viel geringere Geschwindigkeit und Lautstärke. Auf den Straßen spürt man die ca. 25% E-Autos sofort, genau wie den nicht von Eile und Aufgeregtsein geprägten Fahr- und Lebensstil.

Die nachfolgenden Fotos mögen dies ein wenig verdeutlichen.

Ich habe oft an meine Frau gedacht; sie hätte diese Reise sehr gemocht.

Das Leben geht weiter, und ich werde aus meinem restlichen Leben das Beste machen. Zu Hause sitzen, grübeln, traurig sein, sich im Selbstmitleid ergehen – das kann es nicht sein. Es gibt noch viel Neues zu entdecken. Auch allein.

Wenn Fortuna uns besucht …

Ein interessanter Gedankengang aus Kapitel 22 des Buches „Die Kunst des guten Lebens“ von Rolf Dobelli:

Unser Leben scheint planbarer, als es in Wahrheit ist.

Der Zufall spielt eine viel größere Rolle, als wir wahrhaben möchten.

Die Idee des Schicksals, der Fortuna“, der Göttin des Zufalls – ein jahrtausendelang bewährtes gedankliches Werkzeug – haben wir in den vergangenen 100 Jahren ausradiert.

Darum sind wir so erschüttert, wenn uns etwas Schlimmes aus dem Nichts widerfährt – Unfall, Krebs, Krieg, Tod.

Bis ins letzte Jahrhundert hinein wurden solche Katastrophen bereitwilliger akzeptiert. Die Menschen waren gedanklich auf Fortunas Besuch vorbereitet.

Heute bedeutet Schicksal ein „Versagen des Systems“.

Es gehört aber zum guten Leben, dem gedanklichen Werkzeug der Fortuna wieder den notwendigen Platz einzuräumen.

Fortuna und das Rad des Lebens (Buchillustration aus dem 15. Jh.)

Wie man Witwer mittags satt wird

Ich gebe es offen zu: in der Küche bin ich ein „Dummy“ (am. = Dummkopf). Aufwärmen von Tiefkühlkost, Spaghetti, Spiegeleier, Steak oder Bratwurst braten, Pizza aus dem Backofen … alles kein Problem für mich. Das war’s aber auch schon. Spaß macht mir das nicht – und das wird sich in meinem Leben wohl auch nicht mehr ändern.

Am Beispiel „Hühnchen-Geschnetzeltes in Curry-Soße mit Gemüse und Reis“ kann man die Alternativen mit ihren Vor- und Nachteilen und den zeitlichen und pekuniären Kosten schön aufzeigen:

  1. Gaststätte (China- oder Thai-Restaurant)
    Arbeitszeit: 0 Minuten, nur Weg zum Restaurant und Wartezeit.
    Kosten: ca. 8-12 Euro
    Vorteil: schmeckt i.A. besser als zu Hause, raffinierter zubereitet
    Nachteil: teuer
     
  2. Fertiggericht, z.B. Thai Curry von YouCook
    Arbeitszeit: 10 Minuten, nur Erhitzen in der Mikrowelle oder in der Pfanne
    Kosten: ca. 4 Euro
    Vorteil: schnell zubereitet (= aufgewärmt), schmeckt akzeptabel
    Nachteil: Portionsmenge relativ klein, zu wenig Gemüse
     
  3. Selbst kochen mit einigen Convenience-Produkten
    Arbeitszeit für zwei Portionen: 30 Minuten (Hühnchenfilet schneiden, anbraten, Sahne+Wasser+Soßenpulver+Fertigreis dazu, weiterköcheln. Gleichzeitig TK-Gemüse in Salzwasser erhitzen)
    Kosten für zwei Portionen: 3,50 Hühnchenfilet, 0,20 Sahne, 0,90 Maggi Fix Curry, 1,00 REWE Express Jasminreis, 1,00 TK-Gemüsemischung = 6,60 Euro, pro Portion 3,30 Euro.
    Vorteil: große Portion, die ein wenig „deutsch“ schmeckt, zweite Portion erfordert nur Aufwärmen.
    Nachteil: spürbarer Arbeitsaufwand plus größerem Abwasch.

Je nach Lust und Laune nutze ich alle drei Varianten.

Die zwei Fotos zeigen Variante 3 – vorher und nachher.

Zutaten
Resultat (eine Portion von zwei)

Endlich Witwer, …

… das habe ich mir nicht nach dem Tod meiner lieben Frau gesagt.

Aber über den Film mit diesem Titel (noch bis zum 09.08.2019 in der ZDF-Mediathek zu sehen) habe ich gestern köstlich gelacht.

„Endlich Witwer“ ist die Tragikomödie eines Mannes, der nach dem plötzlichen Tod seiner Frau hartnäckig versucht, gegen die Widerstände seiner erwachsenen Kinder sein unglückliches Leben weiterzuführen.

Link zum Film (nur bis zum 09.08.2019 verfügbar)

Sie ist immer bei mir

Letzte Woche am Montag waren es exakt 1.500 Tage, dass meine Frau nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Vier Wochen davor hatte ich mir einen Tritt gegeben und eine Kanaren-Madeira-Kreuzfahrt gebucht. Raus aus dem Trott. Raus aus diesem gleichförmigen Witwer-Leben, das wie ewiger Urlaub aussieht, aber doch keiner ist. Raus aus der Komfortzone. Mal was ganz anderes sehen, auch wenn das schnatternde Gehirn einem dauernd einredet, dass das alles keinen Sinn mehr macht oder dass es das Geld nicht wert ist.

Die Kanaren und Madeira kannte ich nicht, und ich wollte unbedingt mal selbst in Augenschein nehmen, wie es da so ist. Und dann wollte ich endlich mal wieder mit dem Schiff unterwegs sein. Rausschauen in die unendliche Weite der Wellen und Wolken, den Wind spüren, …

Es war ein sehr schöner Urlaub, wenn man die Menschenmassen in den Buffetrestaurants und auf dem Sonnendeck einfach einmal ausblendet …

Während dieser Reise spürte ich meine liebe Frau oft sehr nah bei mir.

Schon im Flugzeug über den Wolken – wie schon bei den zwei anderen Flugreisen nach ihrem Tod – stellte sich dieses Gefühl erneut schnell ein. Hier in der Weite des Himmels spüre ich immer ein Gefühl der Nähe zu ihr. Wenn sie irgendwo sein sollte, dann nicht im Grab, nicht zu Hause, dann eher hier im grenzenlosen Raum.

An den beiden Seetagen zwischen den Kanaren und Madeira war es genauso. Meine Frau wurde auf einer Insel geboren, sie liebte das Meer und es war ihr vertraut. Anders als in der städtischen Enge zu Hause, spürte ich hier ihre Nähe.

Auf Madeira im botanischen Garten wusste ich sofort, dass es ihr hier sehr gefallen hätte – die verschiedenen Blüten, die Ausblicke auf das Meer…

Als der Bus auf Teneriffa den Nebel und den Wald verließ, war da nur noch der Pico del Teide und das Wolkenmeer. Ähnliches hatten wir einmal auf Taiwan am Alishan erlebt: ein endloses Wolkenmeer. Wie glücklich war meine Frau damals!

Und auf Fuerteventura sah das Meer so blaugrün aus wie an der Côte d’Azur. Was für ein Blick, der (zwar künstliche) weiße Strand, das Meer, das Schiff! Unwirklich, und doch war es so. Das hätte sie geliebt, diese Farben, diese Atmosphäre.

Ich bin allein – aber sie ist immer bei mir …

Und ich erinnere mich gerade an ein sehr altes chinesisches Liebesgedicht:

Ihr reist in die Ferne
westwärts nach Qin.
Ich wäre so gerne
Euer Schatten,
dass ich immer und überall bei Euch bin.
Doch wünsch‘ ich Euch nicht,
im Schatten zu stehn.
Bleibt nur immer im Licht.
Dann könnt Ihr mich sehn.

Sieben Tage Kanaren-/Madeira-Kreuzfahrt mit AIDAnova – eine ehrliche Kreuzfahrt-Kritik

Nach über vier Jahren der Trauer über den Verlust meiner lieben Frau habe ich mich endlich mal wieder auf eine Reise begeben, die absolutes Neuland für mich war: eine Kreuzfahrt zu den Kanarischen Inseln und Madeira. Auch bin ich inzwischen so gefestigt, dass mir der Anblick unzähliger glücklicher Paare im Urlaub emotional nichts mehr ausmacht.

Kurzfazit in einem Satz: Die Reise war schön – oder besser gesagt: Das Reiseziel war schön.

Allerdings: Viele Dinge auf dem Schiff haben mir wenig Freude bereitet.

Deshalb habe ich diesen Beitrag ausnahmsweise nicht den Blog-Themen Trauer und Trauerbewältigung gewidmet, sondern einmal meine ehrliche, persönliche Kritik und subjektive Beurteilung dieser Kreuzfahrt dargestellt.

Vielleicht für den einen oder anderen Interessenten etwas erhellend!

Vorwort

Begonnen hatte alles mit dieser Sendung im WDR-Fernsehen, die ich irgendwann 2018 sah und die mich faszinierte:  „Wunderschön! Kreuzfahrt im westlichen Mittelmeer – Unterwegs mit Andrea Grießmann“.  Die Sendung kann man noch auf  YouTube sehen. Durch diese Sendung bekam ich Lust, mal mit AIDA eine Kreuzfahrt zu machen. Alles war so schön, so relaxed, so sonnig …  

Zu Kreuzfahrten findet man ja im Internet unzählige Bewertungen, Meinungen und Beiträge, gesponsorte Lobeshymnen, Hasskommentare frustrierter Zeitgenossen, sowie als Meinung kaschierte Werbung von sogenannten Influencern (Beeinflussern).

Dazu Videos und endlose Rundgänge über leere Schiffe, riesige Fotoserien von Bordrestaurants mit unangetasteten Buffets ohne Passagiere oder von menschenleeren Sonnendecks und Pools.

Was soll man davon glauben, was nicht?
Wie ist die Realität?
Ganz bestimmt nicht die in den Leere-Schiff-Videos oder -Fotoserien!!

Die Videos des ZDF (verfügbar bis 2/2020) „Unterwegs mit der AIDA-Nova“ , Teil 1 und Teil 2, zeigen übrigens recht gut die Realität des Schiffes – aber wohlgemerkt: diese Filme wurden mit wenig Passagieren an Bord gedreht. Das hatte ich anscheinend vor meiner Buchung noch nicht richtig kapiert.

Bevor ich losfuhr – und vieles leider erst nach meiner Buchung – las/sah ich manches davon, und ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich mich auf diese Reise freuen sollte oder nicht!

Ich hatte mich auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen.

Meine nachfolgende Meinung ist meine eigene; sie ist völlig unbeeinflusst und absolut ehrlich. Ich habe die Reise selbst gebucht und selbst bezahlt. Alle Fotos wurden von mir hergestellt; sie unterliegen meinem Copyright und dürfen ohne meine Zustimmung nicht verwendet werden. Erkennbare Gesichter wurden auf einigen Fotos zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte geschwärzt.

Kein Begrüßungssekt oder -Cocktail, auch nichts beim Abschied, nur diese Schoko-Fett-Zucker-Torte – kein Grund wieder an Bord zu kommen!

Einige Fakten zu mir, zur Reise, zum Preis und den Gesamtkosten

Über mich: 68 Jahre, männlich, seit 4 Jahren verwitwet, alleinreisend. Urlaubsinteressen: primär Kultur und Natur, kein Strandurlauber. Bisher bereist: fast alle Länder Europas, sehr viele Länder Asiens, Russland, Sibirien, Ägypten, USA, Kanada. Keinerlei Kreuzfahrterfahrung.

Reise: AIDA-Kreuzfahrt „Kanaren und Madeira 3“ mit Schiff AIDAnova, 7 Tage, 6.4.-13.4.2019, gebucht als Last-Minute-Angebot am 18.3.2019 (19 Tage vor Reisebeginn).

Preis (inkl. Flug und Transfer): 1219 Euro in der Innenkabine im VARIO-Tarifmodell (Kabine wurde von AIDA zugeteilt). Zugeteilt wurde eine Innenkabine IA (Deck 12, Schiffsmitte, beste Innenkabinenklasse) zur Alleinbenutzung.

Der Originalpreis (PREMIUM) laut Katalog 2019/2020 beträgt 1025 Euro + 70 % Einzelbelegungsaufschlag + 480 Euro An-/Abreisepaket = 2223 Euro, ggf. abzüglich Frühbucherrabatt (PREMIUM beinhaltet einige Gimmicks wie Kabinenwahl, kostenloses Wasser, Internetpaket, eine Tasche, mehr Statusmeilen, u.m.). Für den Preis hätte ich diese Reise allerdings niemals gebucht.

Kosten meiner Reise (alle Zahlen in Euro, gerundet): Kreuzfahrt, Flüge und Transfers 1219, drei Ausflüge 165, Ausgaben an Bord 72, Bordguthaben (Freundschaftsaktion) -50, Taxi zum/vom Flughafen 102, Trinkgeld, Getränke und Sonstiges 23 Euro. Gesamtkosten: 1531 Euro.

Meine Motivation bzw. Ziele für diese Reise

1. Kennenlernen der Kanarischen Inseln und von Madeira,
2. Kennenlernen der Reiseart „Kreuzfahrt“.

Beide Ziele wurden erfüllt.

Das Schiff

Fakten zum Schiff (Quelle: Wikipedia):
AIDAnova ist das erste Schiff der sogenannten Helios-Klasse und wurde gebaut auf der Meyer-Werft in Papenburg/Ems. Es ist das fünftgrößte Kreuzfahrtschiff der Welt (nach BRZ, Stand 4/2019), 337 m lang, 42 m hoch, Bruttoraumzahl BRZ: 183900, max. Passagierzahl: ca. 6600. Laut Hafenbehörde Funchal waren am 8. April 2019 6001 Passagiere und 1418 Crewmitglieder an Bord – das Schiff war also sehr voll. In Dienst gestellt im Dezember 2018. Besonderheit: umweltschonender Antrieb mit flüssigem Erdgas (LNG).

AIDA – bzw. Tom Ahrendt (Head of Entertainment AIDAnova) – wurde nicht müde (in der „Toms Primetime“-Show oder ähnlichen Entertainment-Formaten, die man als Kunde getrost als Werbung oder Selbstbeweihräucherung bezeichnen muss), die AIDAnova als größtes Kreuzfahrtschiff der Welt zu bezeichnen, was aber nicht stimmt.

Bug der AIDAnova in Las Palmas
AIDAnova in Fuerteventura
AIDAnova in Teneriffa

Das Schiff ist riesig und die ersten Tage auch beeindruckend. Das legt sich mit der Zeit.

Positiv sind die vielen Möglichkeiten, die ein so großes Schiff bietet. Negativ sind die langen Laufwege und die Unübersichtlichkeit. Für ältere Menschen oder Menschen mit schlecht ausgeprägtem Orientierungssinn ist das Schiff eine Herausforderung.

Der Zustand des Schiffes nach knapp 4 Monaten Kreuzfahrt-Betrieb ist – wie zu erwarten – hervorragend.

Einige öffentliche Toiletten und Aufzüge waren für kurze Zeit außer Betrieb. Es wird immer irgendwo geputzt oder repariert. Manche Glasgeländer oder -fassaden wirkten verschmutzt. Einige Roststellen waren im Außenbereich zu entdecken.

Die Aufzüge waren zu einigen Stoßzeiten nicht in der Lage, die Passagiere ohne längere Wartezeiten zu den Zielen zu befördern. An manchen Aufzügen funktionierten die Richtungssignale und die Etagenanzeigen nicht korrekt.

Öffentliche Toilette defekt
Schmutzige Glasscheiben

Die Route, das Wetter

Las Palmas (Gran Canaria) – Seetag 1 – Funchal (Madeira) – Seetag 2 – Santa Cruz (Teneriffa) – Puerto del Rosario (Fuerteventura) – Arrecife (Lanzarote) – Las Palmas (Gran Canaria).

kanaren
Die Route

Das Wetter war durchgehend heiter bis wolkig und ziemlich windig. In Funchal auf Madeira regnete es einige Zeit am Vormittag. Die Tagestemperatur war 15-20°C. Eine Jacke und/oder ein Pullover war abends oder wegen des Windes erforderlich.

Die Kabine

Zugeteilt wurde mir von AIDA eine Innenkabine IA (Deck 12, Schiffsmitte, beste Innenkabinenklasse) zur Alleinbenutzung.

Einige Fotos:

Innenkabine IA – Betten
Innenkabine IA – Blick vom linken Bettende
Innenkabine IA – Blick vom rechten Bettende
Innenkabine IA – Blick vom Eingang
Innenkabine IA – Waschbecken und Toilette. Aus dem Wasserhahn kam das Wasser ähnlich wie auf einer Flugzeugtoilette im Supersparmodus, das nervte.
Innenkabine IA – Dusche
Innenkabine IA – Innenseite der Eingangstür

An der Kabine gab es nichts zu bemängeln. Alles funktionierte tadellos, nur der Wasserhahn war in einem Supersparmodus: Wasser kam sehr wenig bzw. sehr langsam aus dem Hahn.

Die Reinigung war für mich OK.

Einige Pedanten werden sich an einigen Stellen stören, wo anscheinend nicht Staub gewischt wurde. Im Teppichboden konnte man einige nicht perfekt entfernte Flecken aus den letzten Monaten erraten; er wirkte bereits nicht mehr wie neu. Aber das hat mich nicht sonderlich gestört. Insgesamt erinnert die Kabine in Design und Ausstattung an neuere ibis-Hotels, also 3 Sterne.

Essen und Trinken

Zuerst die Buffet-Restaurants. Von mir besucht: Bella Donna, Fuego, Markt, East, Yachtclub.

In allen diesen Restaurants war es in 80-90 % meiner Besuche extrem voll. Als Einzelperson findet man zwar immer irgendwie und irgendwann nach endlosem Suchen und Fragen einen Platz, aber als Paar oder Gruppe ist es oft unmöglich, gemeinsam zu sitzen. Oder man hat einen freien Vierertisch ergattert; aber dann sitzt man plötzlich mit drei unsympatischen Typen zusammen. Kleiner Ausweg: man muss entgegen der Masse essengehen, z. B. an Seetagen früh aufstehen, oder an Landtagen erst dann essengehen, wenn viele auf Ausflug sind. Das gelingt aber nur beschränkt, da AIDA dann auch weniger Restaurants öffnet.

Das Essen ist hier eine stressige Sache, man hat eher ein Kantinen-Feeling. Das ist nicht mein Gefühl für Urlaub. Man will das Essen auch in Ruhe genießen, aber das gelingt nicht. Außerdem wird vom Personal zu schnell und zu rigoros abgeräumt – als Einzelperson kann es sein, dass man vom Buffetgang zurückkehrt und einen leeren Platz vorfindet. Das hat mich einige Male enorm verärgert! Weiterhin sind die Buffetgänge sehr schmal, so dass es zu Drängeleien kommt. In manchen Restaurants klebt nach einer Stunde Buffet der Fußboden von tropfendem Bier, süßen Flüssigkeiten, usw. Ziemlich ekelhaft.

Hier kann man auch einen guten Querschitt der Bevölkerung erleben: Leute in kurzen Hosen und Badelatschen treffen auf feiner angezogene Gruppen. Eine lange Hose und halbwegs akzeptable Schuhe sollte doch jeder besitzen und abends anziehen!

Viele Zeitgenossen scheinen komplett den Respekt vor den Mitmenschen verloren zu haben und frönen nur noch dem eigenen Vorteil: Löffel werden einfach komplett nach der Verwendung in die Speisenschale geworfen. Essen, z.B. Brötchen, wird mit der Hand angefasst und dann zurückgegelegt. Die Warteschlange wird einfach in umgekehrter Richtung umgangen. Es wird nicht gefragt, ob man sich an einen Tisch setzen darf, man tut’s einfach wortlos. Und so weiter…

Und dann gibt es noch die Leute, die sich endlos an ihren Gläsern (mit kostenlosen alkoholischen Getränken) festhalten und die Tische blockieren. Wen wundert es, wenn andere das nachmachen, wenn sie sich erst einmal einen Tisch erkämpft haben?

Die Qualität der Speisen ist zwar ziemlich hoch, allerdings sind viele Speisen oft nicht mehr heiß. Nur wenn man genau abpasst, wenn etwas Neues kommt, ja, dann ist das Essen auch heiß.

Und dann trifft man noch auf seltsame Entscheidungen des Küchenchefs: Was bitte hat deutsches Kaisergemüse im East-Restaurant verloren? Kein Pak Choi, keine Sojasprossen an Bord?

Buffet-Slalom; Urlaub sieht für mich anders aus
Leere Obstschalen
Marktrestaurant voll bis auf den letzten Platz – ok, ein Platz ist (vielleicht) frei, wahrscheinlich aber nicht!

– – –

Zweitens die Spezialitäten-Restaurants. Von mir vorab reserviert und besucht: Best burger @ Sea, Brauhaus, French Kiss, Casa Nova.

Viele der Spezialitäten-Restaurants liegen entlang der Durchgänge zu anderen Restaurants, was bedeutet, dass eine enorme Unruhe an Tischen entlang dieser Wege herrscht. Man sollte unbedingt darauf achten, nicht an solche Tische plaziert zu werden.

Getränke sind kostenpflichtig, und in einigen Restaurants wurde ich aufgefordert, ein Trinkgeld zu geben. Das fand ich schon sehr seltsam und unangenehm.

Best burger @ Sea, French Kiss, Casa Nova gefielen mir sehr gut.

Dagegen war das Brauhaus in der Speisenmenge zwar enorm, aber in der Speisenqualität und im Service sehr schlecht. Das Fleisch bestand fast nur aus Fett …

Casa Nova: sehr gut!
Brauhaus: man muss schon sehr betrunken sein, um dieses fettige Essen zu lieben!
Best Burger @ Sea: lecker!

Die anderen Spezialitäten-Restaurants konnte ich leider nicht vorab buchen, oder die möglichen Termine vor Ort passten mir nicht.

Sonnenbaden und Pools (Deck 17 & 18)

Die nachfolgenden Fotos sagen eigentlich alles:

  • Wer zu spät kommt, bekommt weder Sitz noch Liege.
  • Dazu kommt noch das typisch deutsche Handtuch-Reservieren – unzählige Plätze sind den ganzen Tag „reserviert“ und unbenutzt.
  • Wer sich gern wie in einer Konservendose (=Sonnendeck oder Pool) sonnt oder badet, ist hier richtig. Ich finde es furchtbar eng und wuselig. Alles zu knapp gestaltet!
  • Eine Joggingstrecke von gerade mal 250 m, und dann auch noch direkt an einer Bar mit vielen Passagieren vorbei, hat den Namen nicht verdient. Ein so großes Schiff hätte eine Rundum-Strecke auf einem Deck verdient. Das gibt’s aber nicht. Ohne trepp-auf und trepp-ab kann man das Schiff nicht im Freien umrunden. Sehr schlecht!
  • Zudem waren mehrere Whirlpools während der gesamten Reise wegen Über-Chlorung nicht nutzbar.

Das Sonnendeck hat mich schon sehr enttäuscht, vielleicht auch deshalb, weil ich eine Innenkabine hatte und gern draußen sitzen und lesen wollte.

Seetag 1, morgens um 08:45 – der Whirlpool hinter der Figur war übrigens immer gesperrt
Seetag 1 – Um 10:45 alles belegt (Blick hinter dem unbenutzbaren Whirlpool)
Seetag 2 nachmittags – es ist verdammt voll
Seetag 2 nachmittags, freie Plätze: Fehlanzeige!
Seetag 2 nachmittags, voller geht’s nimmer. Wer hat Mut und steigt noch in den Whirlpool?
Wer es gern voll liebt – AIDAnova Sonnendeck
Wie in Rimini zur Hauptsaison: AIDAnova Pooldeck = Sardinenbüchse

Shopping, Sport und Wellness

Shopping und Wellness habe ich nicht genutzt.

In allen Fällen, wo ich am Sportgerätebereich vorbeikam, war dieser vollkommen belegt. Auch hier ein Gefühl der Enge, gepaart mit enorm schlechter Luft. Sport hätte dort nicht treiben können und auch nicht wollen.

Bord-Entertainment

Diese Shows fand ich wirklich klasse:

  • Show Me! Yello!
  • Steampunk Circus
  • AidaLove
  • Wer wird Millionär?
  • The Voice of the Ocean

Professionell gemacht!

Genervt haben mich jedoch viele sogenannte „Entertainment“-Angebote, die man als AIDA-Werbung oder AIDA-Selbstbeweihräucherung bezeichnen muss. AIDA ist toll. AIDA ist toll. AIDA ist toll. Irgendwann konnte ich es nicht mehr hören bzw. sehen.

„Wer wird Millionär?“ auf AIDAnova (Sitzplatz musste jedoch 45 Minuten vorher besetzt werden)
Show „Steampunk Circus“
Show „AIDALOVE“
Show „The Voice of the Ocean“

Service

Die Servicekräfte – meist von den Philippinen, aus Indonesien, Vietnam, und weiteren asiatischen Ländern, aber auch aus der Ukraine – waren alle sehr bemüht. Beim Abräumen manchmal etwas übertrieben schnell, manchmal aber auch trödelig. Im Brauhaus und an der Rezeption fiel mir auf, dass es aber auch einige unfreundliche Servicekräfte gibt.

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An der Rezeption sah ich öfter Warteschlangen

Das Einchecken verlief jedoch sehr professionell und schnell. Warum die Rezeption so trödelig und unfreundlich war, bleibt mir ein Rätsel! Man sieht: nicht alle Rädchen in dem großen AIDA-Werk laufen rund!

Der Bar-Service war sehr unterschiedlich, mal kam der Cocktail (Singapore Sling) mit korrekter Ananas-Garnierung und mit Erdnüssen, mal kam nur ein Glas mit den gemixten Zutaten plus Strohhalm, was ich nicht so dolle fand. Für fast 8 Euro sollte man schon alles bekommen.

Sauberkeit

Die Sauberkeit war überall akzeptabel. Manche Glasscheiben waren verschmutzt. Fußböden in den Buffetrestaurants klebten nach einiger Zeit. Einige Passagiere verhielten sich am Buffet in sehr unhygienischer Weise, Details erspare ich mir hier.

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Service an der Eisbar

Landausflüge

Ich hatte drei Landausflüge vorab gebucht, und alle drei wurden professionell geleitet und haben mir sehr gut gefallen.

  • MAD02A – Madeira – Funchal kompakt, nachmittags – 50,34 €
  • TEN01A – Teneriffa – Nationalpark Cañadas del Teide, nachmittags – 40,99 €
  • LAN41A – Lanzarote – Highlights im Inselsüden, nachmittags – 64,99 €
Markt in Funchal
Bild aus dem Botanischen Garten Funchal
Nationalpark Cañadas del Teide: Wolkenmeer, links der Teide
Nationalpark Cañadas del Teide
Timanfaya Nationalpark Lanzarote mit den Feuerbergen
Landschaft auf Lanzarote

An- und Abreise

Flug: DUS-LPA und zurück, ca. 4:10 Stunden, erfolgte mit Eurowings ohne Sitzplatzreservierung. Die Bordverpflegung war ein kleines Käsebrot und ein Glas Cola. Weitere Verpflegung während des Fluges war kostenpflichtig. Etwas armselig, aber im Trend der Zeit. Irgendwann wird es sicher Interkontinentalflüge ohne jede Verpflegung geben!

Flüge und Transfers zwischen Flughafen und Schiff wurden perfekt durchgeführt.

Buchung, Portal MyAIDA, Bordportal

Die Buchung via Internet bei AIDA direkt war unproblematisch.

Das Portal MyAIDA funktionierte nicht immer wie erwartet und müsste dringend überarbeitet werden.

Das Bordportal via TV oder Webseite bzw. die AIDA App funktionierten nicht immer. Manchmal konnte das Bordkonto nicht angezeigt werden. Manchmal war die TV-Anwendung quälend langsam.

Mein Fazit

Die Reise, genauer: das Reiseziel war schön, das schrieb ich ja bereits. Und das ist auch das Wichtigste (für mich).

Buffet-Restaurants und Sonnendeck waren eine riesige Enttäuschung. Eine Enttäuschung, die ich im Bezug auf einen Urlaub in meinem Leben bislang nicht erleben durfte.

Hätte ich den vollen Preis von über 2000 Euro bezahlt, hätte ich mich sehr, sehr geärgert. Denn diesen Preis wäre die Reise absolut nicht wert gewesen. 1219 Euro waren für die erbrachte Leistung gerade noch in Ordnung, denn Transport, Ausflüge, Unterbringung waren OK.

Punkte für die einzelnen Aspekte (min. 0 bis max. 10 Punkte):

  • Schiff = 7
  • Kabine = 8
  • Essen und Trinken / Buffet-Restaurants = 3
  • Essen und Trinken / Spezialitäten-Restaurants = 6
  • Sonnenbaden und Pools = 3
  • Bord-Entertainment = 8
  • Service = 7
  • Sauberkeit = 8
  • Landausflüge = 9
  • An- und Abreise = 8
  • Buchung, Portal MyAIDA, Bordportal = 5

Mein persönliches Gesamturteil = 6,5 von 10

Noch einige Tipps

  • Smartphone: EU-Roaming in den Häfen nutzen (immer den verbundenen Provider prüfen, z.B. Kanaren: Movistar, Madeira: Vodafone P), sonst (außerhalb der Häfen, Seetage) in Flugmodus versetzen.
  • Sich entgegen der Masse der Passagiere verhalten, soweit machbar; z.B. Frühstück an Seetagen früh einnehmen und an Landtagen spät einnehmen, Abendessen sehr spät oder zu Showzeiten einnehmen, usw.
  • Aktiv sein, verschiedene Buffetrestaurants besuchen und das persönlich und aktuell beste auswählen.
  • Spezialitäten-Restaurants vorab reservieren, nutzen und so den vollen Buffetrestaurants entgehen. Die Bestellung eines kleinen Wassers (steht nicht auf der Karte) reicht dafür. Man kann einzelne Gänge auch überspringen. Auch Trinkgeld ist nicht erforderlich, einfach 0 eintippen, wenn einem der Kellner das Smartphone mit der Abrechnungs-App vorhält.

Zum Schluss

Ich habe alle obigen Kritikpunkte per Brief an AIDA Customer Relations mit der Bitte um schriftliche Stellungnahme gesendet. Nach exakt 70 Tagen erhielt ich das folgende Schreiben mit viel Blabla, das auf keinen meiner Kritikpunkte eingeht und auch keinerlei Entschuldigung enthält. Ich habe meine Schlüsse daraus gezogen, und ich werde ganz sicher nicht „AIDAs Bestrebungen nach weiteren Verbesserungen verfolgen“.

Die Antwort von AIDA Customer Relations auf meine Beschwerden; für dieses Blabla aus vorgefertigten Textbausteinen benötigte AIDA ganze 70 Tage!

Was bleibt? —  Vielleicht dieser schöne Satz …

Tagsüber entspannen und abends besser einschlafen

Entspannung und guter Schlaf ist unheimlich wichtig – gerade auch in Zeiten der Trauer.

Täglich Autogenes Training oder progressive Muskelrelaxation kann wahre Wunder bewirken. Es lohnt sich, diese Methoden zu erlernen und täglich anzuwenden.

Sehr gut und sehr suggestiv sind die Audios von Stefanie Grabner, verfügbar auf YouTube.

Man kann die CDs auch kaufen:

Drei schöne Zitate …

… zum Thema Trauer vom US-amerikanischen Kinderbuch-Autor, Cartoonzeichner und Grinch-Erfinder Theodor Seuss Geisel:

theodor-seuss-geiselFoto: Donated to the Library of Congress / Lizenz: Public Domain

* * *

Sei wer du bist und sag, was du fühlst.
Denn die, die das stört, zählen nicht
und die, die zählen, stört es nicht.

* * *

Weine nicht, weil es vorbei ist.
Lächle, weil es passiert ist.

* * *

Manchmal erkennt man den Wert eines Augenblick erst dann,
wenn er zur Erinnerung wird.

* * *

Worte von Papst Franziskus zu Tod und Trauer

Im Familienpapier „Amoris laetitia“ (= „die Freude der Liebe“), einem nachsynodalen Schreiben von Papst Franziskus vom 19. März 2016, geht Papst Franziskus am Ende des 6. Kapitels im Abschnitt „Wenn der Stachel des Todes eindringt“ [Nr. 253-258] auf die Themen Tod und Trauer ein.

Dieser Abschnitt ist durchaus lesenswert, auch für Menschen, die mit der röm.-kath. Kirche nichts am Hut haben.

Der Papst spricht Klartext, und in einer Sprache, die mühelos verstanden werden kann, z. B. dies:

Irgendwann während der Trauer muss man zu der Einsicht verhelfen, dass wir, wenn wir einen geliebten Menschen verloren haben, immer noch eine Aufgabe zu erfüllen haben und dass es uns nicht gut tut, das Leiden in die Länge ziehen zu wollen, als sei das eine Huldigung. Der geliebte Mensch hat weder unser Leiden nötig, noch erweist es sich für ihn als schmeichelhaft, wenn wir unser Leben ruinieren. Ebenso wenig ist es der beste Ausdruck der Liebe, jeden Moment an ihn zu denken und ihn zu erwähnen, denn das bedeutet, von einer Vergangenheit abhängig zu sein, die nicht mehr existiert, anstatt diesen realen Menschen zu lieben, der sich jetzt im Jenseits befindet.

Hier nochmals der Link auf diesen Abschnitt „Wenn der Stachel des Todes eindringt“ [Nr. 253-258].

Den Tod überleben

Nachdem ich lange Zeit keine Trauerliteratur mehr gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen einen neu erschienenen „Begleiter in Zeiten der Trauer“ (Untertitel) mit dem Titel „Den Tod überleben“ gelesen.

Der Autor dieses sehr schön ausgestatteten Lesebuches – jeder Text umfasst zwei Seiten, und das Buch muss nicht linear von vorn nach hinten gelesen werden – ist Dr. Peter Kottlorz, Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk.

Die Texte in ihrer Vielfaltigkeit haben mir wirklich gut gefallen. Es ist kein Ratgeberbuch, sondern ein Buch, das Hoffnung machen soll, das Halt geben soll, das tröstet. Der Tod wird oft heute aus dem Leben verdrängt, und er gehört trotzdem zum Leben. Dies wird in vielerlei Facetten und Geschichten beleuchtet.

160 Seiten, 18 Euro, Hardcover, mit Lesezeichen-Bändchen, Farbdruck, Patmos Verlag.

Negativ: Der Preis ist ziemlich hoch für ein so dünnes Büchlein. Und der Artikel namens „Europa macht sich schuldig“ mit der Kritik an Frontex hat m. E. in einem Trauerbegleiter nichts verloren.

Trotzdem: Empfehlenswert.

Was Leben und Tod wirklich bedeuten

Der Tod ist das Gegenteil von Geburt, aber nicht von Leben, weil Leben kein Gegenteil hat.

Innerhalb des Lebens werden Formen geboren, um später wieder zu sterben.

Doch das Leben selbst stirbt nicht.

Das, wofür wir uns und unsere Nächsten normalerweise halten, sind wir nicht.

Wir sind keine sterblichen Personen, sondern nur vorübergehende Erscheinungen in dem einen Leben, das wir selbst sind. Wenn der Tod des Körpers eintritt, geht das Leben weiter. Sie gehen in Liebe weiter.

— Aus dem Buch „Was dein Leben leuchten lässt“
von Dirk Hessel (ISBN 978-3843413459)

Haltet die Welt an

Auch nach vier Jahren ist es für mich einfach unfassbar, dass meine Frau nicht mehr ist. Klar, ich habe es akzeptiert, ich habe es rational begriffen, dass meine Frau tot ist. Aber gefühlsmäßig ist das alles immer noch schwer zu fassen.

Die Liebe, die Trauer, die Dankbarkeit.

Dieser Song sagt alles: Es fehlt ein Stück – haltet die Welt an!

Gruppe: Glashaus – Wikipedia / imglashaus.de
Song-Titel: Haltet die Welt an
Aus dem Album: Drei (2005)

Liedtext:

Seitdem du weg bist,
ist so manches ok.
Dafür, dass es korrekt ist,
tut es aber ganz schön weh.
Ich bin wirklich gesegnet,
hatte Glück,
und vieles ist super wie es ist,
bis auf die Lücke,
die nicht schließt.
Es ist ein perfekter Kreis von 280 Grad.
Der rettende Beweis,
den ich leider grad nicht hab.
Es ist der Sinn des Lebens,
den keiner mir verrät.
Man muss wirklich kein Genie sein,
um zu merken, dass was fehlt.

(Refrain 1:)
Bei Gott, es fehlt ein Stück, haltet die Welt an.
Es fehlt ein Stück, sie soll stehen …

(Refrain 2:)
Und die Welt dreht sich weiter,
und dass sie sich weiter dreht,
ist für mich nicht zu begreifen,
merkt sie nicht, dass einer fehlt?
Haltet die Welt an, es fehlt ein Stück.
Haltet die Welt an, sie soll stehen.

Es ist nicht zu beschreiben,
wie kalt und leer es ist.
Ich versuche nicht zu zeigen,
wie sehr ich dich vermiss.
Meine Freunde tun ihr Bestes,
aber das Beste ist nicht gut genug.
Für das was du mir gabst,
hat diese Welt kein Substitut.
Dies ist ein Akt der Verzweiflung,
ein stummer Schrei
eines Menschen voller Leid
und seiner Wunde die nicht heilt.
Es ist der letzte Kampf gegen das,
woran es liegt.
Wie ein Vogel mit nur einem Flügel,
der bestimmt nicht fliegt.

(Refrain 1)

(Refrain 2)

Es ist leicht zu erkennen
und schwer zu ertragen.
Wie konnte man uns trennen?
Mein Herz trägt deinen Namen.
Es ist die alte Geschichte,
wenn jemand stirbt.
Es fehlt ein Stück vom Puzzle,
das so niemals fertig wird.
Man sagt mir, halb so schlimm,
es geht weiter wie du siehst.
Um zu sehen, dass das nicht stimmt,
braucht es keinen Detektiv.
Ich kann meinen Zweck nicht erfüllen,
wie eine Kerze ohne Docht.
Dieses Schiff geht langsam unter,
merkt ihr nicht, es hat ein Loch?

(Refrain 1)

(Refrain 2)

Bilder von dir

Bilder von dir von Laith Al-Deen (erschienen 2000)

Bilder von dir überdauern – bis in alle Zeit
Bilder von dir überdauern – bis in die Ewigkeit

(Refrain:)
Bilder von dir überdauern – bis in alle Zeit
Bis in alle Zeit, bis in alle Zeit
Bilder von dir überdauern – bis in die Ewigkeit
In die Ewigkeit, in die Ewigkeit.

Meine Worte hüllt in Schweigen,
so können sie nicht flieh’n.
Das was dunkel macht das bleibt
Und lässt das andre zieh’n.

Ich kann nicht sagen und will nicht vergessen
Oh nein, nein, nein
Wie ich es seh‘, wie ich es seh‘ …

Worte sind wie Pulver,
wenn du den Himmel kennst
Ich fühl’s in meinem Kopf,
fühl’s überall hab’s lang vermisst

Ich kann nicht sagen, will nicht vergessen
Oh nein, nein, nein
Wie ich es fühl, wie ich es fühl.

(Refrain, 2x)

Tausend Spuren und Gedanken,
nicht das kleinste Stück von mir
du lässt mich taumeln, lässt mich wanken,
die Luft ist voll von dir.

Ich kann nicht sagen, will nicht vergessen
Oh nein, nein, nein

Wie ich es fühl, wie ich es fühl.
Wie ich es fühl, wie ich es fühl.
Wie ich es fühl, wie ich es fühl.

Ich kann nicht sagen, will nicht vergessen
Oh nein, nein, nein
Wie ich es fühl, wie ich es fühl …

(Refrain, 2x)

Herbstmond über dem ruhigen See (平湖秋月)

Diese chinesische Melodie entstand in den 1930er Jahren, als der Komponist Lü Wencheng im Herbst einen Ausflug zum Westsee in Hangzhou machte. Dieser malerische Westsee bei Mondschein hat ihn regelrecht verzaubert: ein ruhiger See, Weiden am Seeufer, eine kühle Abendbrise und angenehmer Duft. Die Welt schien in einem silbernen Schleier zu liegen.

Für meine liebe Frau, die in meinem Herzen weiterlebt. Diese Musik drückt so vieles aus, was sie ausgemacht hat: ihre chinesische Seele, ihre Schönheit, ihre Liebe zur Natur und zur Musik. Ich liebe dich.

Jetzt ist die Zeit

Meine liebe Frau ist vor fast vier Jahren in eine andere Welt gegangen, und ich werde in fünfzehn Monaten siebzig. Wahnsinn – wirklich schon siebzig?!? Scheiße! Aber …

… jetzt ist die Zeit! 2019.

2019 ist das Jahr des Entrümpeln, des Wegwerfens, des Aufräumens. Jeden Tag ein Schrankteil, eine Schublade, usw. – durch alle Zimmer, Keller, Dachboden.

Es geht gar nicht nur um Dinge meiner Frau, sondern es ist eher ein generelles Loslassen, Loswerden von Dingen, die sich in den letzten Jahrzehnten angesammelt haben – uraltes Zeug, dem irgendwann früher eine Bedeutung gegeben wurde und das aufgehoben wurde.

Jetzt ist eine neue Zeit, eine neue Lebenssituation, vieles hat sich geändert, hat sich relativiert. Vieles ist nicht mehr wichtig.

Es ist tagtäglich ein gutes Gefühl: wegwerfen, saubermachen, neu ordnen.

Für mich ist das ungemein befreiend und es erleichtert mich. Manchmal fast eine kleine Euphorie.

Marie Kondō lässt grüßen, obwohl ich nicht ihre Prinzipien anwende.

Wenn ich durch alle Räume durch bin, werde ich wahrscheinlich einen zweiten Durchgang machen und dann das wegwerfen,  was ich jetzt noch als eher aufhebenswert erachte.

Ich bin gespannt, wie es Ende 2019 bei mir aussieht.

Das Leben ist schwierig

Übersetzung:

Das Leben ist schwierig.

Dies ist eine große Wahrheit, ja eine der größten Wahrheiten.

Es ist eine große Wahrheit,
weil wir, sobald wir sie wirklich erkennen,
über ihre reine Wahrnehmung und Erfahrung hinausgehen.

Sobald wir also wirklich erkennen, dass das Leben schwierig ist –
es wirklich verstehen und akzeptieren
dann ist das Leben nicht mehr schwierig.

Sobald nämlich die Tatsache einmal akzeptiert ist,
dass das Leben schwierig ist, ist dies gar nicht mehr so wichtig.

Buch in Deutsch erschienen: M. Scott Peck: Der wunderbare Weg / Leseprobe (PDF)

Die Praxis des Loslassens

Leo Babauta hat heute (wieder einmal) einen großartigen Beitrag mit dem Titel „Die Praxis des Loslassens“ veröffentlicht (in Englisch).

In der Trauer (und auch sonst) ist unser Geist bzw. unser Ego oft verhaftet; z. B.:

  • Dieses Leben ist nicht das, das ich will – ich will ein anderes.
  • Ich sollte nicht alleine sein.
  • usw.

In diesen und vielen anderen Fällen ist unser Geist auf einen bestimmten Standpunkt fixiert.

In dem Beitrag erklärt Leo Babauta, wie man dieses Verhaftet-Sein loslassen und sich wieder den vielfältigen Möglichkeiten des Lebens öffnen kann.

Natürlich braucht es viel Übung. Aber es lohnt sich.