Der Gefrierschrank

Ich erweitere täglich meine Fähigkeiten, um allein einen Ein-Personen-Haushalt zu führen.

Heute war das Abtauen des Gefrierschranks – bislang überwiegend von meiner Frau erledigt – dran. Zuletzt hatten meine schwerkranke Frau und ich gemeinsam vor etwa einem knappen Jahr diese ziemlich unliebsame Tätigkeit gemacht. Die genaue Vorgehensweise hatte ich vergessen oder verdrängt. Nun hatte die Vereisung des Gefrierschranks bedrohliche Ausmaße angenommen, was schnelles Handeln meinerseits dringend erforderte.

Dank genialer Webseiten wie frag-mutti.de oder zuhause.de konnte ich mir schnell die geeigneten Methoden aneignen, die mich in die Lage versetzten, diese Arbeit in zweieinhalb Stunden halbwegs elegant über die Bühne zu bringen.

Im Spektrum haushaltlicher Tätigkeiten ist das Gefrierschrank-Enteisen bestimmt nicht meine Lieblingstätigkeit. Aber alle 6 Monate ist es erforderlich, besonders deswegen, weil ich mich doch relativ oft aus dem Gefrierschrank ernähre.

Meine Liebe wird mich überdauern …

Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst –
Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.

Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!

Joachim Ringelnatz

Auf dem Flughafen

Heute war ich auf dem Flughafen.

Plötzlich musste ich daran denken, wie meine Frau und ich im letzten Dezember eine Verwandte meiner Frau zum Flughafen begleitet hatten.

Es war das letzte Mal vor ihrem Tod, dass meine Frau auf dem Flughafen war.

Meine Frau und ihre Verwandte hatten sich noch lange unterhalten, da bis zum Abflug noch viel Zeit war. Ich erinnerte mich heute auch genau an den Ort, wo sie saßen.

Heute verspürte ich einen starken Drang, an diesen Ort zurückzukehren.

Aber meine Frau war nicht dort.

Ich bin traurig nach Hause gefahren.

Und die Wohnung war wie immer leer.

Wie soll es weitergehen?

Diese Frage stelle ich mir jetzt oft.

Meine gesundheitlichen Probleme (Magendruck, Schwindel, Anspannung, Angst) sind für mich ganz klar Stress-Symptome, die aus den Belastungen der Zeit der Krankheit meiner Frau, aus den Belastungen der Trauerzeit und aus der Unsicherheit über meinen weiteren Lebensweg herrühren. Klar – ich habe auch eine Disposition für derartige somatoforme Störungen. Inzwischen habe ich mich wieder aufgerappelt, dank Pillen, dank Entspannungsübungen, viel Schlaf, aber auch viel Bewegung.

Aber wie soll es mit mir weitergehen?  Ich brauche eine neue Aufgabe, z. B. eine ehrenamtliche Tätigkeit. Nur die Wohnung putzen, Staub wischen und den Balkon fegen reichen nicht.

Viele Witwer stürzen sich ja schnell nach dem Tod ihrer Frau in eine neue Beziehung, weil sie enorme Schwierigkeiten haben, allein mit dem Leben klar zu kommen. Für mich kommt jedenfalls eine neue Beziehung überhaupt nicht in Frage. Es wäre ja auch keine neue „Aufgabe“. Und Schwierigkeiten mit dem Alleinleben habe ich nicht. Zudem war meine verstorbene Frau derart geistreich, gebildet, hübsch und vor allem sehr speziell, so dass alle anderen Frauen, die ich bislang in meinem Leben mehr oder weniger kennengelernt habe, nie an meine verstorbene Frau „herankommen“.

Ich werde jedenfalls in nächster Zeit gewisse Bereiche für eine neue Aufgabe ausloten. Ich bin gespannt – im positiven Sinn.

Nur nach nebenan verschwunden

Der Tod bedeutet gar nichts.
Ich bin nur nach nebenan verschwunden.
Ich bin ich, und du bist du.
Was immer wir füreinander waren, das sind wir noch.
Nenne mich bei dem alten vertrauten Namen.
Sprich von mir, wie du es immer getan hast.
Ändere nicht deinen Tonfall.
Zwinge dich nicht zu aufgesetzter Feierlichkeit oder Traurigkeit.
Lache weiterhin über die kleinen Scherze, an denen wir gemeinsam Spaß hatten.
Spiele, lächle, denke an mich, bete für mich.
Lass meinen Namen weiterhin so geläufig sein, wie er immer war.
Sprich ihn unbekümmert aus, ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet all das, was es bisher bedeutete.
Es ist genauso wie immer.
Es geht uneingeschränkt und ununterbrochen weiter.
Ist der Tod nicht nur ein unbedeutender Zwischenfall?
Warum sollte ich vergessen sein, nur weil du mich nicht mehr siehst?
Ich warte einstweilen auf dich, ganz in der Nähe, nur um die Ecke.
Alles ist gut.

— Henry Scott Holland

Über den Tod

epiktet

Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen von den Dingen beunruhigen die Menschen.

So ist z. B. der Tod nichts Schreckliches; die Meinung vom Tod, dass er etwas Schreckliches sei, das ist das Schreckliche.

Sage nie von einem Ding: ich habe es verloren; sondern: ich habe es zurückgegeben.

Dein Kind ist gestorben – es ist zurückgegeben worden.

Dein Weib ist gestorben – es ist zurückgegeben worden.

Wenn du willst, daß deine Kinder, dein Weib und deine Freunde ewig leben sollen, so bist du ein Tor.

Du willst damit, daß Dinge, die nicht in deiner Gewalt sind, in deiner Gewalt sein sollen, und was nicht dein ist, soll dir gehören.

— Epiktet – Handbüchlein der Moral

Radikale Akzeptanz (3)

Das Buch “Im Augenblick leben” von Ernst Bohlmeijer und Monique Hulsbergen hatte ich in diesem Post schon erwähnt.

In den letzten Wochen habe ich das Buch mehrmals durchgearbeitet und die vorgeschlagenen Übungen gemacht.

Einige wichtige Sätze habe ich beim Lesen im E-Book markiert, und ich möchte sie auflisten, um sie – auch für mich persönlich – nicht aus dem Fokus zu verlieren:   LINK

Radikale Akzeptanz (2)

Radikale Akzeptanz ist das Gegenteil von Wollen.

Radikale Akzeptanz ist die Bereitschaft, darauf zu verzichten, sich gegen Schmerz und ungewollte Ereignisse real oder gedanklich aufzulehnen, sie zu bekämpfen oder auch nur irgendwie verändern zu wollen.

Mir geht es momentan gesundheitlich wirklich dreckig. Das ist so.

Und der tiefe emotionale Schmerz um den Verlust meiner Frau ist plötzlich stärker als je zuvor.  Ich habe heute fast eine Stunde lang geweint, und viele Taschentücher waren klitschnass. Das ist so.

Ich schäme mich nicht. Ich merke, dass ich meine Frau in meinem Innersten viel, viel mehr liebte und immer noch liebe, als ich mir das „rational“ eingestanden habe. Und verdammt – warum habe ich nicht noch viel mehr für sie getan, als sie so krank war?

Ich muss die Dinge radikal akzeptieren. Da gibt es nichts schönzureden. Vor einigen Wochen „wollte“ ich meine Trauerzeit schon für beendet erklären. Aber so einfach soll es nicht sein. Ich bin krank, und ich bin trauriger als je zuvor.

Unangenehme Gefühle müssen durchlebt werden. Vermeidung und Verdrängung von Schmerz führen nur zu noch größerem Leid.

Der Ursprung des Leidens ist die Weigerung, das zu akzeptieren, was jetzt im Leben da ist.

Radikale Akzeptanz (1)

Der Artikel „Das Tor der Annahme“, aus der Reihe „Torwege zum Jetzt“ von Eckhart Tolle, hat mir in letzter Zeit sehr geholfen, den Verlust meiner Frau und auch meine aktuellen gesundheitlichen Probleme besser zu verarbeiten und zu bewältigen.

Vielleicht hilft dieser Artikel, den man sich öfter meditativ durchlesen sollte, ja auch anderen, die Verluste erlitten haben.

* * * *

Ich empfehle außerdem das Buch „Im Augenblick leben“ von Ernst Bohlmeijer und Monique Hulsbergen, das eine gute Anleitung zum Loslassen und Akzeptieren ist. Die Autoren schreiben im Einstieg ihres Buches: „Dieses Buch ist für alle gedacht, die mit ihrem Leben unzufrieden sind oder mit psychischen Belastungen wie Trübsal, Schmerz, Angespanntheit, Furcht, Unsicherheit oder Traurigkeit kämpfen.“. Sie versprechen nicht, Sie zu einem glücklichen Menschen zu machen. Dafür nämlich gibt es keine Methode. Wohl aber für mehr Gelassenheit und mehr Akzeptanz.

Weiter bergab

Das Leben ist beschissen.

Im letzten Post schrieb ich: Mein Körper will nicht mehr.

Aber es kam letzte Woche noch schlimmer. Drehschwindel-Attacken haben mich einige Male mitten in der Nacht aufwachen lassen. Das ganze Zimmer drehte sich wie ein Karussell. Mit der ganzen Panik. Am Wochenende habe ich dann erfahren, dass es ein simpler benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel war. Er lässt sich durch simple Übungen wieder beseitigen, und er ist wohl schon überstanden.

Leider habe ich Selbstvertrauen verloren und Erwartungsangst („Ist noch alles OK, oder kommt er zurück, der Schwindel?“) hinzu gewonnen. Besonders morgens habe ich jetzt Angst, dass sich alles wieder dreht. Ich habe das Gefühl, dass ich mich auf meinen Körper ganz und gar nicht mehr verlassen kann. Er kann mir jederzeit „Streiche“ spielen und mich gewaltig runterziehen.

Inwieweit das alles mir meiner Trauersituation zu tun hat – keine Ahnung. Man kann Vieles vermuten. Aber hilft mir das, wenn ich den Grund kenne?

Also weiterkämpfen: Normalität, kein Vermeidungsverhalten, Achtsamkeitsübungen, einen Gang runterschalten, Spaziergänge, viel Ablenkung und abends eine Pille Mirtazapin werden es hoffentlich richten.