Je schöner die Erinnerung …

Je schöner und voller die Erinnerung,
desto schwerer ist die Trennung.
Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude.
Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel,
sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.

Dietrich Bonhoeffer

Entsorgen, Endlichkeit

„Entsorgen“ – was für ein Wort! Die Tatsache: ich werfe die Dinge meiner verstorbenen Frau in den Müll oder führe sie einer neuen Verwendung zu.

Nach fast acht Monaten wird es langsam Zeit, dies zu tun, und es fällt mir nicht sonderlich schwer. Es muss einfach getan werden. Traurig bin ich bei anderen Gelegenheiten, und die gibt es weiß Gott genug: Bilder, Musik, Gedanken …

Die Endlichkeit aller Dinge ist den Menschen bewusst, aber sie wird zumeist erfolgreich verdrängt. Bis vor knapp zwei Jahren war das bei mir nicht anders. Seit der Nachricht des Arztes, dass meine Frau todkrank ist, hat sich dies geändert. Und seit den Tod meiner Frau ist mir täglich sehr klar, dass auch ich bald sterben werde und deshalb jeden Tag als Geschenk begreifen sollte.

Wann ist „bald“? Keine Ahnung.

Gelingt es mir, jeden Tag als Geschenk zu begreifen? Noch zu selten, aber ich arbeite dran.

Viele materielle Dinge sind mir gleichgültig geworden. Neues Auto, neues iPhone, neue Klamotten – uninteressant.

Das Lachen meines Enkelkindes ist mir inzwischen sehr viel mehr wert als ein neues iPhone oder irgendein anderer Bullshit, den mir irgendwelche Großkonzerne einreden wollen, dass ich ohne ihn nicht leben könnte.

Die Prioritäten haben sich für mich gewandelt.

Besitzen – Verlieren

Krisen – globale und individuelle Katastrophen – sind Prüfungen, die wir im Leben zu bestehen haben.

Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Wir sollten uns im Klaren darüber sein, dass das Leben nun einmal unversicherbar ist und unvorhergesehene Zwischenfälle normal sind. Unser Leben mäandert wie ein Fluss zwischen ruhigen Phasen und heftigen Abschnitten hin und her, in denen es zu schweren Krisen kommen kann.

Wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass es diese Untiefen gibt, werden wir im Falle eines plötzlichen negativen Ereignisses nicht so gelähmt und geschockt sein. Wir können gelassener reagieren und haben deutlich bessere Chancen zu bestehen. Mit dem Wissen, dass auf jeden von uns noch einige Krisen zukommen werden, können wir abgeklärter auf sie reagieren, bei Bedarf eine Kursänderung vornehmen und ein vermeintliches »auf Grund laufen« nicht als Scheitern, sondern als wichtiges Innehalten begreifen. Das können wir aber nur, wenn wir bereit sind, das, was uns selbstverständlich oder lieb und teuer geworden ist, zu gegebener Zeit loszulassen.

Mir hilft dabei eine buddhistische Weisheit: »Wir werden geboren, um zu sterben. Wir besitzen Dinge, um sie zu verlieren. Wir begegnen Menschen, um sie zu verlassen.«

— Zitat aus Georg Pieper: Überleben oder Scheitern

Der 1. Geburtstag – ohne Geburtstagskind

Mehr als zweihundert Tage ist meine Frau nun tot.

Hat sich meine Trauer inzwischen abgeschwächt? Nein. Im Gegenteil, sie ist eher stärker geworden.

Die letzten knapp drei Monate waren für mich eine Quälerei. Jede Woche war ich mehrmals in irgendwelchen Arztpraxen, Notaufnahmen oder Ambulanzen. Ich, der eigentlich das ganze Leben lang nie ernsthaft krank war, war und bin nicht nur sehr traurig, sondern auch an Seele und Körper krank oder „verletzt“:

  • Einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans (inzwischen zur Hälfte vom Gehirn kompensiert)
  • Weißer Hautkrebs an der Stirn (zweimalig und letztlich erfolgreich weggeschnitten)
  • Angststörung mit leichter Depression und diversen somatoformen Störungen (Magendruck, Schwankschwindel, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen).

In Kürze ist nun der erste Geburtstag meiner Frau … ohne meine Frau. Die Familie meiner Tochter und ich feiern ihn so, wie wir ihn immer gefeiert haben – nur ein Platz wird leer bleiben. Ein Gedeck mit einer Kerze und einer Rose erinnert an meine Frau, die dort immer ihren Platz hatte – neben unserem Enkelkind. Das wird kein einfacher Geburtstag.

Nachtrag: Der Geburtstag ist vorbei. Es war schön, dass meine Tochter und mein Enkelkind da waren. Das Kaffeetrinken ohne meine Frau fühlte sich sehr irreal an. Das war auch schon so, als wir meinen Geburtstag feierten. Ich bin sicher: meiner Frau hätte dieser Geburtstag gefallen, wenn sie ihn erlebt hätte – sehr schönes Frühherbstwetter, schöne Blumen, leckeres Familien-Essen …