Auf und ab

Es gibt Tage, da denke ich wenig an meine verstorbene Frau. Ich kann Dinge genießen. Ich beschäftige mich mit einigen Hobbies und kann vieles um mich herum vergessen (oder sollte ich besser schreiben: „verdrängen“?); das war vor wenigen Monaten nicht möglich. Jetzt finde ich wieder etwas Freude an meinen Hobbies.

Wenn man das liest, könnte man denken: alles prima, Trauer überwunden, so kann es weitergehen.

So ist es natürlich nicht.

Da gibt es die anderen Tage. Voller Schatten, viele Erinnerungsfetzen, schöne Erinnerungen, sehr schöne sogar; und alles vorbei. Ich spüre Dankbarkeit, aber spüre auch: das war’s dann, das zerbrechliche Leben. Meine Frau hat gern gelebt, hat das Schöne des Lebens geliebt, und innerhalb sehr weniger Jahre ist sie wie eine Rose verblüht.

Heute im Gottesdienst sangen wir ein Lied, das auch während der Trauerfeier meiner Frau gesungen wurde. Da konnte ich die Tränen nicht unterdrücken, ein Singen war nicht mehr möglich – von einem Moment zum anderen.

Und dann die Frage:  wie geht es mit mir weiter?

Ich bin allein, ich trage allein die Verantwortung: wie viel Sport, wie viel Meditation, wie viel Schlaf, wie viel Körpergewicht, wie viel Alkohol, wie viel Schokolade, wie viel Putzen, wie viel Geldausgeben, wie viel Sparsamkeit, usw., usw., sind richtig? Bei welchen Beschwerden gehe ich zum Arzt, und bei welchen nicht? Was mache ich mit meiner „Restlaufzeit“? Keine Ahnung, wie lange die geht, und das ist wohl auch gut so. Wie wird sich mein Tod gestalten?

Fragen über Fragen. Keine Antworten. Und die Tage und Wochen fliegen dahin …

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Die Zeit lindert – aber es dauert

Joachim Wittkowski und Dr. Rainer Scheuchenpflug, zwei Psychologen der Universität Würzburg, haben in einer neuen Studie mit mehr als 500 Teilnehmern untersucht, wie Menschen auf den Verlust eines geliebten Angehörigen reagieren.

Ihre Ergebnisse korrigieren einige gängige Vorstellungen vom Trauern.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie kann man hier lesen.

Vor einem Jahr

Ab heute bis Anfang März jähren sich zum ersten Mal die traurigen Ereignisse.

Heute vor einem Jahr war Aschermittwoch, und ich fuhr meine liebe Frau mit Luftnot und Husten ins Krankenhaus. Ihr letzter Weg begann; zweieinhalb Wochen später war sie tot.

Viele, viele traurige Erinnerungen machen sich jetzt wieder breit: das Chaos auf der Station (es war gerade eine Grippewelle und die Station war überbelegt), die genervten Ärzte, die nur das Allernötigste kommunizierten, überlastete Schwestern und Krankenpfleger, unfreundliche Zimmergenossen, Ungewissheit, Anspannung, Erschöpfung, …

Da muss ich nun durch.

Schön

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Heute ist ein schöner Tag – ganz im Gegensatz zu gestern.

Aber gestern ist vorbei.

Ich träumte heute morgen von meiner verstorbenen Frau.

Es war ein schöner Traum.

Der Himmel ist heute sehr blau und die Sonne scheint.

Nach all dem Grau der letzten Wochen ist das eine schöne Abwechslung.

Die erste Frühlingsblüten sind auch schon da.

Ich genieße diesen Tag.

Akzeptanz ist der zentrale Faktor

Der Psychotherapeut Dr. Sebastian Remmers untersuchte für seine 2009 erschienene Dissertation „Wie der Verlust des Ehepartners bewältigt wird“ (PDF, 269 Seiten) den Trauerverlauf innerhalb des ersten Jahres nach dem Todesereignis.

In seiner Befragung von 66 Trauernden während des ersten Trauerjahres fand Dr. Remmers heraus, dass Menschen, die den Tod ihres Lebenspartners nach drei Monaten akzeptiert hatten, unter weniger psychosomatischen Beschwerden litten und zufriedener waren als Menschen, die den Tod ihres Partners noch nicht annehmen konnten.

Diese Akzeptanz war der einzige Faktor, mit Hilfe dessen man Voraussagen über die Wahrscheinlichkeit depressiver Symptome in den darauffolgenden Monaten machen konnte. Optimisten litten selbst nach dem Partnerverlust weniger unter depressiven und psychosomatischen Beschwerden als Pessimisten.

Die Akzeptanz schien dabei der wirksamste Faktor zu sein.

Eine gesteigerte soziale Unterstützung dagegen wirkte sich – entgegen der Erwartungen – nicht positiv auf den Trauerverlauf aus.

Finanzielle Sorgen erschwerten – besonders bei Frauen – den Trauerverlauf.

Ob Trauerprozesse bei Männern und Frauen unterschiedlich ablaufen, konnte die Untersuchung nicht zeigen, da nicht ausreichend Männer an der Befragung teilnahmen.

Dr. Remmers warnt in seiner Zusammenfassung vor übertriebenen Erwartungen hinsichtlich der Trauerforschung:

Die große Anzahl an Trauerratgebern (…) suggeriert einen fortgeschrittenen Forschungsstand, der faktisch nicht besteht. Fakten fehlen weitgehend. In Deutschland ist bisher wenig Trauerforschung zu verzeichnen, aber auch auf internationaler Ebene fehlen aussagekräftige Daten innerhalb des ersten Jahres der Trauer.

Tröstliche Eichendorff-Gedichte

640px-Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_(1841)


Trennung ist wohl Tod zu nennen,
Denn wer weiß, wohin wir gehn,
Tod ist nur ein kurzes Trennen
Auf ein baldig‘ Wiedersehn.


Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.


Vorbei

Das ist der alte Baum nicht mehr,
Der damals hier gestanden,
Auf dem ich gesessen im Blütenmeer
Über den sonnigen Landen.

Das ist der Wald nicht mehr, der sacht
Vom Berge rauschte nieder,
Wenn ich vom Liebchen ritt bei Nacht,
Das Herz voll neuer Lieder.

Das ist nicht mehr das tiefe Tal
Mit den grasenden Rehen,
In das wir Nachts vieltausendmal
Zusammen hinausgesehen. —

Es ist der Baum noch, Tal und Wald,
Die Welt ist jung geblieben,
Du aber wurdest seitdem alt,
Vorbei ist das schöne Lieben.


Der Umkehrende

Es wandelt was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem was uns lieb.

Was gäb‘ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möchte geboren werden,
Hieltst Du nicht droben haus!

Du bist’s, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen —
Darum so klag‘ ich nicht.


Da fuhr’ ich still im Wagen,
du bist so weit von mir,
wohin er mich mag tragen,
ich bleibe doch bei dir.


Abbildung „Joseph Freiherr von Eichendorff (1841)“ von „Wikipedia: Foto H.-P. Haack“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Status nach elf Monaten

Wie geht es mir elf Monate nach dem Tod meiner Frau?

Was soll ich darauf antworten? Ein Versuch …

Ich habe im Januar 2016 einige Dinge erledigt:

  • Bücher meiner Frau geordnet, Bücherregale aufgeräumt.
  • Unterlagen und Schreibtisch meiner Frau geordnet und aufgeräumt.
  • Kleidung und einige persönliche Dinge meiner Frau an meine Tochter zur weiteren Sichtung und Verfügung übergeben.

All dies war für mich kein großes emotionales Problem. Klar, ohne Weinen ging es nicht ab. Manchmal waren Pausen erforderlich.

Der Haushalt ist kein Problem, das Alleinsein zumeist auch nicht. Ich weine nicht mehr jeden Tag. Vielleicht jeden zweiten oder dritten. Meist ist ein Musiktitel (da gibt es einige) der Grund, die leere Wohnung, eine Depri-Phase, oder ganz spontane Traurigkeit.

Ich habe vor Weihnachten 2015 ein „Positiv-Tagebuch“ begonnen, in das ich jeden Tag ein oder zwei Dinge reinschreibe, die mich glücklich gemacht haben. An vier von vierzig Tagen (10 %) konnte ich nichts finden, das mich glücklich gemacht hat. Aber insgesamt bin ich damit zufrieden.

Ehrenamtlich habe ich etwas Neues (kirchlicher Besuchsdienst) begonnen, das etwas mehr Sinn in mein Leben bringt.

Ich möchte gern einmal verreisen, aber ich kann mich nicht zu einer Reise entschließen. Ich denke viel über einen Reiseplan nach, und verwerfe ihn wieder. Ein paar Tage später wieder ein neuer Plan, und auch den verwerfe ich. Ich möchte noch einmal an Orte fahren, an denen ich mit meiner Frau glücklich war, aber ich fühle mich nicht emotional stark genug dafür. Viele Orte kenne ich schon, warum nochmal hinfahren? Und andere Orte interessieren mich nicht. Dazu kommt die Terrorgefahr, die mich auch abhält.

Im April werde ich ein Wochenend-Trauerseminar besuchen; ich erhoffe mir noch einige neue Impulse für meine persönliche Trauerarbeit …

Gesundheitlich geht es mir besser als im Sommer/Herbst 2015, aber schlechter als vor dem Tod meiner Frau. Ich mache regelmäßig Gymnastik, Walking, Achtsamkeitsmeditation, bin aber trotzdem angespannt. Ich habe keine offensichtlichen Probleme, habe keinen Druck von außen, kann alles steuern, wie es mir gefällt – trotzdem diese Anspannung – ein seltsames Gefühl. Manchmal entlädt sich alles in Tränen und die Spannung geht für ein, zwei Tage.

Ein Problem sind meine sporadischen „Fress“-Attacken. Meine verletzte Seele will manchmal sehr unvernünftig sein: Schokolade, Chips, … Das sind dann letztendlich keine Glücksmomente, denn am nächsten Tag bereue ich es. Nach dem Tod meiner Frau nahm ich 4-5 kg ab, die sind inzwischen wieder drauf. Leider.

Und dann das Radiohören (WDR 2).  Nach spätestens einer halben Stunde kommt ein Musiktitel, der mich anrührt, der mich an irgendeine Situation mit meiner Frau erinnert. Ich versuche, das Schöne und Wertvolle in diesen Erinnerungen zu finden und Dankbarkeit zu spüren, und manchmal gelingt es. Manchmal gelingt es nicht und die Trauer ist stärker. Es wird noch viel Zeit brauchen — wahrscheinlich bis zu meinem Lebensende.