Zehn positive Aspekte finden

Ihr Mann bzw. ihre Frau ist gestorben. Schreiben Sie zehn positive Aspekte auf, die sich aus dieser Situation ergeben. Registrieren Sie alle Widerstände, die Sie beim Aufschreiben empfinden. Überlegen Sie verschiedene Möglichkeiten, schreiben Sie auf, was Ihnen als Erstes einfällt. Lassen Sie Ihrer Phantasie freien Lauf und bewerten Sie keinen Ihrer Einfälle, notieren Sie alles, was Ihnen ins Bewusstsein kommt, gleichgültig, ob es Ihnen dumm, blöd, abwegig oder unrealistisch vorkommt. Es liegt ganz und gar in Ihrer Entscheidung, was Sie unter „positiv“ verstehen.

Wenn Ihre Liste fertig ist, beschäftigen Sie sich damit. Lassen Sie zu, dass sich das Positive zu einer Möglichkeit verdichtet und innerhalb des Bezugsrahmens (also dem Tod ihres Mannes bzw. ihrer Frau) einen Platz findet. Manchmal erscheint das schier unmöglich. Man muss eingefahrene Denkmuster fallen lassen und Schmerzen, Schuld, Kummer und Leid auflösen. Aber das ebnet den Weg zu neuen Zukunftschancen.

Die Erfahrung zeigt, dass Sie durch diese Übung einen großen Optimismus gewinnen.

Diese Übung wurde (leicht modifiziert) entnommen aus:
Alex Pattakos: Gefangene unserer Gedanken

Werde ich noch mal glücklich sein?

Ich kann mich nicht wirklich über das neue Auto freuen. Ich lebe tagein, tagaus; man kann sagen: ich funktioniere einfach. Manchmal bin ich sehr traurig, manchmal nicht. Ich habe nicht viel Kontakt zu anderen Menschen. Es ist mir zu anstrengend, und wer kann und will meine Situation schon verstehen? Ich mag zudem keine Oberflächlichkeiten. Die meisten Dinge, die mir früher Freude gemacht haben, interessieren mich nicht mehr sonderlich. Verreisen? Warum sollte ich das tun? Die Orte, die mich interessieren, habe ich schon mit meiner Frau besucht. Eine erneute Reise an die Côte d’Azur – ein Ort, den ich viele Male mit meiner Frau besucht hatte – habe ich erst neulich wegen der massiven Streiks in Frankreich storniert. Ich war nicht traurig darum. Ich wollte noch einmal einen Ort des gemeinsamen Glücks besuchen und vielleicht Abschied nehmen, denn jetzt ist es ein Ort des vergangenen Glücks. Es hat keine Eile, diesen Ort noch mal zu besuchen. Vielleicht habe ich auch ein wenig Angst davor. Ich frage mich oft: Werde ich noch mal glücklich sein? Die Antwort weiß ich nicht. Eine neue Beziehung, eine neue Frau, ist sicher nicht die Antwort auf diese Frage. Mein Alleinsein wohl auch nicht. So gehen die Wochen dahin. Wer weiß, wohin mich dieser Weg führt?

Fünf Kilo abgenommen und ein neues Auto

In den letzten Wochen habe ich mein tägliches Laufpensum verdoppelt und meine Mahlzeiten reduziert; Ergebnis: ich habe mein Körpergewicht von knapp 80 kg auf 75 kg reduziert und ich fühle mich wohler. Das war längst überfällig. Es war für mich schon etwas überraschend, dass mehr Bewegung auch meine Stimmung verbessert hat. Das Antidepressivum konnte ich ebenfalls etwas reduzieren – ein kleiner Schritt, davon loszukommen.

In der nächsten Woche werde ich das alte Auto, mit dem meine Frau und ich so viele schöne Urlaubsreisen gemacht haben, gegen ein neues eintauschen. Auch das war schon längst überfällig, da sich die Probleme mit dem alten Wagen häuften. Im März/April war ich dazu noch nicht in der Lage – aber jetzt ist es OK, den alten Wagen loszulassen. Wieder geht etwas, das ich mit meiner Frau verbinde: das Nummernschild mit ihren Initialen und der Wagen, dessen Farbe sie aussuchte. Ich werde es nicht vergessen.

Der Dialog der Zwillinge im Mutterleib

Zitiert aus: „In einem anderen Licht – Von der Kunst des Lebens und Sterbens“ von Henri J. M. Nouwen, Freiburg: Herder Spektrum, Band 6306, Neuausgabe 2011, ISBN: 978-3-451-06306-0, Seite 60-62.

[…] Ich möchte mit einer kleinen Geschichte abschließen, die mir unlängst ein Freund erzählt hat. Sie handelt von Zwillingen, Bruder und Schwester, die sich vor ihrer Geburt im Schoß ihrer Mutter unterhalten.

Die Schwester sagte zu ihrem Bruder: „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt!“ Ihr Bruder erhob lebhaft Einspruch: „Nein, nein, das hier ist alles. Hier ist es schön dunkel und warm, und wir brauchen uns lediglich an die Nabelschnur zu halten, die uns ernährt.“

Aber das Mädchen gab nicht nach: „Es muß doch mehr als diesen dunklen Ort geben; es muß anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann.“ Aber sie konnte ihren Zwillingsbruder immer noch nicht überzeugen. Dann, nach längerem Schweigen, sagte sie zögernd: „Ich muß noch etwas sagen, aber ich fürchte, du wirst auch das nicht glauben: Ich glaube nämlich, daß wir eine Mutter haben!“

Jetzt wurde ihr kleiner Bruder wütend: „Eine Mutter, eine Mutter!“, schrie er. „Was für ein Zeug redest du denn daher? Ich habe noch nie eine Mutter gesehen, und du auch nicht. Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt? Ich habe es dir doch schon gesagt: Dieser Ort ist alles, was es gibt! Warum willst du immer noch mehr? Hier ist es doch alles in allem gar nicht so übel. Wir haben alles, was wir brauchen. Seien wir also damit zufrieden.“

Die kleine Schwester war von dieser Antwort ihres Bruders ziemlich erschlagen und wagte eine Zeitlang nichts mehr zu sagen. Aber sie konnte ihre Gedanken nicht einfach abschalten, und weil sonst niemand da war, mit dem sie hätte darüber sprechen können, sagte sie schließlich doch wieder: „Spürst du nicht ab und zu diesen Druck? Das ist doch immer wieder ganz unangenehm. Manchmal tut es richtig weh.“

„Ja“, gab er zur Antwort, „aber was soll das schon heißen?“ Seine Schwester darauf: „Weißt du, ich glaube, daß dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Wird das nicht ganz aufregend sein?“

Ihr kleiner Bruder gab ihr keine Antwort mehr. Er hatte endgültig genug vom dummen Geschwätz seiner Schwester und dachte, am besten sei es, einfach nicht mehr auf sie zu achten und zu hoffen, sie würde ihn in Ruhe lassen.

Diese kleine Geschichte kann uns vielleicht helfen, den Tod mit neuen Augen zu sehen. […]

hieronymus_boschHieronymus Bosch:
Visionen des Jenseits: Der Aufstieg der Gesegneten, 1505–1515

Die beiden folgenden Bücher über Nahtoderfahrungen haben mir sehr gut gefallen – eine sehr tröstliche Lektüre: