Kontrolle funktioniert nicht

Man kann es nicht oft genug wiederholen:

Trauerschmerz lässt sich nicht verdrängen (= kontrollieren).

Wie ein Ball, der unter die Wasseroberfläche gedrückt wird – irgendwann werden Sie müde und der Ball kommt wieder nach oben.

ball-wasser-pixabay-cc0

Ein Zitat aus einem von mir sehr geschätzten Buch:

Wenn Sie jemanden innig lieben und diese Beziehung verlieren – sei es durch Tod, Abweisung oder Trennung -, wird Ihnen das wehtun. Dieser Schmerz wird Kummer genannt. Kummer ist eine normale emotionale Reaktion bei jeglichem bedeutenden Verlust, sei es nun ein geliebter Mensch, ein Arbeitsplatz oder eine Gliedmaße. Und ist dieser Schmerz einmal angenommen, wird er nach einer angemessenen Zeitspanne wieder vergehen.

Leider weigern sich viele von uns, Kummer anzunehmen. Wir tun eher alles mögliche andere, als ihn anzunehmen. Wir können uns mit Arbeit zuschütten, viel trinken, uns in eine neue Beziehung stürzen, »um uns über den anderen hinwegzutrösten«, oder uns mit Medikamenten betäuben.

Aber so sehr wir uns auch bemühen, den Kummer zu verdrängen, er bleibt doch tief in unserem Innern bestehen. Und schließlich taucht er wieder auf.

Es ist so, als hielte man einen Ball unter Wasser. Solange Sie ihn unten halten, bleibt er unter der Wasseroberfläche. Aber schließlich werden Ihre Arme müde und in dem Augenblick, wenn Sie den Griff lockern, schnellt der Ball nach oben aus dem Wasser heraus.

Aus „Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei“ von Russ Harris, S. 48.

Merke: Unsere Psyche „arbeitet“ sehr paradox:

Je stärker wir versuchen,
schmerzhafte Gedanken und Gefühle zu verdrängen oder
durch positive zu ersetzen (also Kontrolle auszuüben),
desto mehr leiden wir. 

Zwischenbilanz nach 30½ Monaten

Anfang dieses Jahres – zwei Jahre nach dem Tod meiner Frau – war ich ziemlich überzeugt, dass das Schlimmste hinter mir liegt.

„Schlimmste“ ist eigentlich Quatsch, da dieses Wort eine Bewertung meiner Trauer und anderer Gefühle beinhaltet. Warum sollte Trauer eigentlich als „schlimm“ und inhärent negativ eingestuft werden? Eigentlich ist es doch das Natürlichste auf der Welt. Es sind zudem einfach nur Gefühle, und die Bewertung verschlimmert das Ganze zumeist auch noch. Das nennt man dann Teufelskreis. Was ich fühle, ist was ich fühle. Punkt. Auch nach über 30 Monaten. Andere verstehen das nicht.

Diese mehr oder minder eingebildete Überzeugung, dass ich „es“ langsam geschafft haben müsste, hat sich natürlich (wieder einmal) als gewaltiger Irrtum herausgestellt. Als unser Enkelkind sechs wurde, als es dann einige Zeit später in die Schule kam, und die Omi nicht dabei war, da hat es mich vorher, am Tag selbst und danach wirklich emotional aus dem mühsam gewachsenen Gleichgewicht geworfen. Dazu kam der verregnete Sommer und auch noch massive psychovegetative Spielchen, die mir Seele (und Körper) immer wieder von Zeit zu Zeit spielen. Wahrscheinlich weil ich meine Gefühle innerlich ablehne.

Fazit: Das dritte Trauerjahr, von dem jetzt mehr als die Hälfte um ist, war bislang und ist kein Lichtblick für mich. Das Einzigste, was positiv heraussticht, ist, dass mir meine Hobbies wieder Spaß bereiten. Ich bin aber mit meinem Leben nicht zufrieden. Ich ergebe mich zwar nicht passiv meinem Schicksal. Ich probiere vieles, und verwerfe vieles. Wie schrieb ich vor zwei Wochen: Das Leben ist für mich einfach noch nicht „stimmig“.

Vielleicht bin ich zu sehr Perfektionist. Vielleicht sollte ich einfach das Leben mal „laufen lassen“. Ohne zwanghafte Suche. Ohne permanente Optimierung. Einfach den Denkapparat mal abschalten, und gemäß dem Motto: „Heute wird gelebt!“.

Der Unterschied zwischen Leid und Leiden

Was ist Leid?

Alle Probleme in unserem Leben, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, kann man unter dem Begriff Leid zusammenfassen.

Zum Beispiel:

  • Ein Teller fällt zu Boden und zerbricht.
  • Der Urlaub ist verregnet.
  • Das Auto steht im Stau.
  • Während einer Wanderung gibt es einen Wolkenbruch.
  • Der Ausgang der Bundestagswahl entspricht nicht meinen Erwartungen.
  • Der Zug hat drei Stunden Verspätung, und das Flugzeug fliegt ohne mich ab.
  • Ich werde krank.
  • Mein Partner stirbt.

Alles sind Fakten.
Da gibt es nichts herumzudeuteln.
Wir müssen damit irgendwie weiterleben.
Wie? Akzeptieren. Das ist alles.

Was ist Leiden?

Leiden ist die gedankliche, gefühlsmäßige und körperliche Reaktion auf das Leid.

Zum Beispiel:

  • Ein Teller fällt zu Boden und zerbricht → ich bin verärgert.
  • Der Urlaub ist verregnet → ich lamentiere.
  • Das Auto steht im Stau → ich bin wütend.
  • Während einer Wanderung gibt es einen Wolkenbruch → ich werde komplett nass.
  • Der Ausgang der Bundestagswahl entspricht nicht meinen Erwartungen → ich rege mich auf.
  • Der Zug hat drei Stunden Verspätung, und das Flugzeug fliegt ohne mich ab → ich bin am Boden zerstört.
  • Ich werde krank → ich habe Angst um meine Zukunft.
  • Mein Partner stirbt → ich trauere, ich grübele, ich habe psychosomatische Beschwerden, und vieles mehr.

Die Fakten (das Leid) kann ich nicht ändern. Ich habe auf alle diese Dinge (Schwerkraft, Wetter, Verkehrslage, Wahlausgang, Krankheit, Tod, usw.) keinen Einfluss. Ich muss die Fakten einfach nur akzeptieren.

Auf die Reaktionen zu den Fakten, auf das persönliche Leiden, habe ich jedoch sehr wohl einen Einfluss.

Fast alle Reaktionen kommen aus meinem antrainierten Ego, das mir ohne Unterlass Erwartungen, Bewertungen und andere schädliche Impulse einflüstert: ich will … ich will nicht … ich muss … ich mag … ich mag nicht … ich finde … ich denke … ich meine … das darf nicht … wieso … warum nur …

Durch Achtsamkeit kann ich diese Erwartungen, Bewertungen und Impulse erkennen und wahrnehmen. Schon allein durch dieses Erkennen und Wahrnehmen wird das Ego reduziert und so auch mein Leiden gemindert, denn die Reaktionen auf das Leid werden dann Ergebnis einer bewussten Entscheidung in größerer Klarheit.

Lebensregeln

Nachfolgend einige Lebensregeln (auch gültig in Zeiten der Trauer), basierend auf den Grundprinzipien des Stoizismus (siehe auch: Text, Audio, Video):

  • Lassen Sie sich nie von Dingen quälen oder beeinflussen, über die Sie wenig oder keinen Einfluss haben. Manchmal laufen die Dinge eben nicht so, wie Sie es beabsichtigt oder geplant hatten; also seien Sie immer bereit, sich anzupassen!
  • Bereiten Sie sich gedanklich auf schwierige Umstände vor, und stellen Sie sich dabei vor, sie mit ruhiger Gelassenheit zu behandeln. Eine solche Vorbereitung wird die Angst vor schwierigen Umständen reduzieren und ihre Wirkung verringern, falls sie tatsächlich passieren. Darüber hinaus sollten Sie schwierige Umstände immer positiv sehen, indem Sie sie als Lernmöglichkeiten ansehen.
  • Leben Sie weitgehend in der Gegenwart, da die Vergangenheit vorbei und unveränderlich ist und die Zukunft weitgehend unsicher und nicht in unseren Händen ist.
  • Finden Sie ein Gleichgewicht zwischen einem engagierten und einem losgelösten Leben. Betrachten Sie das Leben als eine Art Festival oder ein Spiel – mit dem Ziel, es für die kurze Dauer, die wir hier sind, zu genießen; beobachten Sie das Leben, nehmen Sie daran teil – aber ohne zu viel über die Resultate betroffen oder bekümmert zu sein.
  • Konzentrieren Sie sich mehr auf die Entwicklung Ihres Charakters, anstatt an „äußeren Dingen“ zu verhaften oder zu hängen, die kurzlebig oder außerhalb Ihrer Kontrolle sein können; z. B. materielle Dinge, sinnliche Freuden, sozialer Status, Gesundheit und sogar nahestehende, geliebte Personen.
  • Wertschätzen Sie, dass alle Dinge nach einem universellen Schema geschehen, welches einen tieferliegenden Grund und Sinn hat, aber über unser aller endliches Verständnis hinausgeht. Benutzen Sie diese Perspektive, um sich immer daran zu erinnern, dass die Dinge, die uns bekümmern oder quälen, im allgemeinen „Kleinkram“ im Gesamtsystem aller Dinge ist. Dieses Gesamtsystem ist voller Geheimnisse, aber es scheint zumindest ein unglaublich riesiges Universum, das seit Milliarden Jahren existiert, zu umfassen!

Quelle: Buchrezension eines Lesers auf amazon.com, die die wichtigsten praktischen Punkte aus „Stoicism and the Art of Happiness“ (und anderen Quellen?) zusammenfasst – von mir aus dem Englischen übersetzt und leicht verändert.

Nach 2½ Jahren – auf der Suche

Im letzten halben Jahr habe ich hier kaum etwas geschrieben. Zeitweise habe ich an ein Löschen dieses Blogs gedacht. Einige Zeit lang waren die Beiträge versteckt. Ich wollte mich damit ein wenig von den Themen Trauer und Verlust abschotten. Teilweise ist es mir gelungen, teilweise nicht. Nun ist es 2½ Jahre her, dass meine Frau verstarb. Die Trauer wird zunehmend weniger, aber die Suche nach einem Lebenssinn, nach Erfüllung für mich persönlich, nach meinem weiteren Weg ist und bleibt mein Hauptthema. Das Leben ist ein Auf und Ab, und es ist für mich einfach noch nicht „stimmig“.

Mediathek-Hinweis

Zusätzlich zu einer früher von mir publizierten Liste von Diskussionen, Features und Filmen, die zum Thema Tod und Trauer in den Mediatheken verfügbar sind, ist eine weitere, sehr sehenswerte Diskussion erwähnenswert:

  • Nachtcafé – Den Tod vor Augen
    Diskussion, 90 Min., verfügbar bis 02.09.2018, Quelle: SWR
    Plötzlich ist alles anders! Nichts trifft uns härter als der nahende Tod eines geliebten Menschen oder die Nachricht, dass unser eigenes Leben bald zu Ende gehen wird. Sofort überrollt eine Flut an Gefühlen unseren doch so vorhersehbaren Alltag und rüttelt an dem stets verdrängten Wissen: Das Leben ist endlich. Neben Verzweiflung und Wut machen sich große Ängste breit, wie es weitergehen wird.