Sich der Realität stellen

Denkst du manchmal oder stellst dir vor:

  • ewig jung zu bleiben oder ewig zu leben?
  • Krankheiten zu vermeiden?
  • an denen, die du liebst, festzuhalten, dass diese auf immer bei dir sein werden?
  • an deinem Besitz festzuhalten?
  • den Folgen deiner Handlungen zu entkommen?

Fühlst du dich innerlich bedroht, wenn du erfährst, dass ein anderer Mensch …

  • schwer erkrankt ist?
  • einen schweren Verlust erlitten hat?
  • gestorben ist?

Wendest du viel Energie auf, um die Realität nicht wahrzunehmen und aus deinem Leben wegzudrücken?

Alle Bemühungen, Realität zu verleugnen, sind im Grunde die Wurzel eines großen Teils deines Leidens.

Fünf Themen zur häufigen Reflexion bzw. Meditation:

  • Ich bin sicher, dass ich alt werde. Ich kann Altwerden nicht vermeiden.
  • Ich bin sicher, dass ich krank werde. Ich kann Krankheit nicht vermeiden.
  • Ich bin sicher, dass ich sterben werde. Ich kann den Tod nicht vermeiden.
  • Alle Dinge, die mir wichtig sind und die ich liebe, sind Veränderung und Trennung unterworfen.
  • Ich bin Eigentümer meiner Handlungen und ich werde Erbe meiner Handlungen sein.

Quellen:

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Ewigkeitssonntag 4

Heute, drei Jahre und achteinhalb Monate nach dem Tod meiner Frau, ist wieder Ewigkeitssonntag. Es ist der vierte Ewigkeitssonntag, an dem ich meiner verstorbenen Frau gedenke.

Vor drei Jahren schrieb ich: „Es gibt Zuversicht für einen Neustart ohne meine Frau“.

Vor zwei Jahren schrieb ich über ein „liebendes und dankbares Loslassen“.

Vor einem Jahr schrieb ich, dass „die Trauer sich reduziert, aber enorm langsam, und sie wird nie ganz verschwinden“.

Und heute? Wieder ein bewegender Gottesdienst. Meine Traurigkeit ist da wie ein guter Freund, und meine Frau fehlt mir sehr. Am Grab habe ich ihr gesagt, wie sehr ich sie liebe. Und das ist alles auch gut so.

2018 war und ist kein einfaches Jahr. Viele Krankheiten, eigentlich Petitessen, trotzdem führten sie bei mir zu einer psychischen Labilität und Melancholie. Ich habe eine Reise gemacht, aber diese war eher freudlos. Einige Dinge habe ich geändert. Keine wirklichen persönlichen Fortschritte. Aber ich habe sehr viel gelesen …

Ich muss zugeben: nach drei Jahren und achteinhalb Monaten plätschert das Leben mehr oder minder ruhig dahin, und ich habe keinen Plan.

Vielleicht will ich gar keinen Plan, keine wie-auch-immer gearteten „Fortschritte“, keine neue Partnerin. Ich sollte das Dahinplätschern meines Lebens einfach noch mehr genießen.

Widerstand zwecklos

Wer mein Blog intensiver liest, wird bemerkt haben, dass sich die psychologischen und philosophischen Themen hier immer wieder um folgendes drehen:

Diese Themen und Methoden sind ganz essentiell, um den Tod eines geliebten Menschen oder andere Katastrophen im Leben besser verarbeiten können.

Und wieder ist ein schönes Buch zu genau diesem Themenkomplex erschienen:

Andreas Knuf: Widerstand zwecklos –  Wie unser Leben leichter wird, wenn wir es annehmen, wie es ist / 192 Seiten, Kösel-Verlag, ISBN 978-3466347124

Empfehlenswert!

Über Akzeptanz, Annahme, Zulassen

Unzählige Menschen kämpfen mit Angst, Trauer oder anderen negativen Emotionen. Und irgendwann sagen viele: „Ich weiß – ich muss nur meine Angst, Trauer, usw. akzeptieren.“

Sie glauben, Akzeptanz bedeutet aufzugeben. Schließlich hören sie auf, sich zu ändern. Dies ist jedoch nicht das, was Akzeptanz von uns verlangt.

Akzeptanz ist stattdessen eine bewusste Wahl, sich zu öffnen und mit dem zu sein, was auch immer passiert, so wie es ist. Aber Sie können nicht akzeptieren, was Sie nicht kennen. Und Sie können nicht akzeptieren, was Sie ablehnen und dem Sie feindlich gegenüberstehen.

Etwas anzunehmen bedeutet also, Platz zu schaffen und es zuzulassen. Sie müssen auch bereit sein zu erkennen, was Sie unwohl macht. Achtsamer und präsenter zu sein, macht hier den großen Unterschied.

Wir können nicht entscheiden, was uns alles in den Sinn kommt und was wir fühlen. Wir können nur auswählen, worauf wir achten, wie wir darauf achten und was wir dann tun.

Ohne Freundlichkeit und Mitgefühl gibt es keinen gesunden Weg, um Angst, Trauer oder andere unangenehme emotionale Erlebnisse zuzulassen.

Stattdessen wird es sich anfühlen, als ob Sie eine tickende Zeitbombe in der Hand haben, die nur darauf wartet, dass sie explodiert, und Sie unternehmen nichts dagegen.

Aber Sie können Ihren Schmerz sanft und mit etwas Neugier und Mitgefühl betrachten. Dies kann den Schmerz in etwas verwandeln und entschärfen, das Sie tragen und ehren können und um vielleicht daraus zu lernen und zu wachsen.

Quelle: Forsyth/Eifert – Anxiety happens, Ch. 16: „Cultivating Allowing“, Übersetzung aus dem Englischen von mir.

Ein sehenswertes Video: „Why It’s Hard Being Human“ (in Englisch) des Autors John Forsyth:

Erinnerst du dich, als …

Dieses ruhige Stück („Remember When“ von State Azure) gibt gut meine melancholische Stimmung wieder, wenn mich – wie gerade jetzt – die Erinnerungen an meine Frau mal wieder übermannen.

Gefühle von Sehnsucht, Dankbarkeit, Liebe, Traurigkeit … auch nach mehr als 3 ⅔ Jahren.

Alle, die meinen, nach 1 oder 2 Jahren wäre die Trauer erledigt: sie haben ja keine Ahnung!

Siehe auch hier.

Phrasen, die man als Trauernder wirklich nicht braucht

Was Trauernde sich leider viel zu oft anhören müssen: die typischen und natürlich fast immer gut gemeinten, aber leider dennoch verletzenden Äußerungen des sozialen Umfelds:

Quelle: Iris Willecke, Trauerbegleitung & -beratung in Sundern

Einen „Spickzettel für den Umgang mit Trauernden“ findet man auf der Facebook-Seite von Frau Willecke.

Anmerkung von mir: Einige Phrasen empfinde ich gar nicht so schlecht, z. B. „Alles wird wieder gut.“ (= gibt Hoffnung), oder „Irgendwann wird es leichter.“ (= stimmt), oder „Die Zeit heilt alle Wunden.“ (= stimmt zumindest teilweise).

Ein Stoiker rät …

Im März 2018 erschien im Wiener „Standard“ ein lesenswertes Interview mit Philosoph Massimo Pigliucci.

Einige Kernsätze:


Was wäre der tiefere Sinn, sich auf Dinge zu konzentrieren, die man überhaupt nicht kontrollieren kann? Man wäre einfach frustriert. Wenn du krank wirst, verschwende deine Zeit nicht damit, dass du dir Sorgen darüber machst, dass du krank geworden bist – sorge dich stattdessen darum, den besten medizinischen Rat zu bekommen, deine Medizin einzunehmen und so weiter.


Von einem logischen Standpunkt aus ist es unmöglich, über Dinge, die wir kontrollieren können, hinauszugehen. Was der Stoizismus Ihnen sagt, ist: Wenn du versagst, musst du das Scheitern als Teil des Lebens akzeptieren und zum nächsten Projekt übergehen.


Ich finde diese Aussage von Epiktet sehr amüsant: „Ich muss sterben. Wenn schon jetzt, nun, dann sterbe ich eben. Wenn später, dann werde ich jetzt zu Mittag essen, da die Stunde zum Mittagessen gekommen ist.“

Es beginnt mit einer Bestätigung, dass wir alle Sterbliche sind. Für die Stoiker ist der Tod nichts, dass man fürchten muss, da er Teil des natürlichen Kreislaufs der Dinge ist. Wenn der Tod mir gerade nicht obliegt, dann habe ich andere Dinge zu tun, und ich konzentriere meine Aufmerksamkeit auf diese Dinge, damit ich sie auf bestmögliche Weise tun kann. Einschließlich der angenehmen, wie dem Mittagessen.


Ein empfehlenswertes Buch von Massimo PigliucciDie Weisheit der Stoiker. Piper, München 2017

Was in meiner Macht steht – und was nicht

Oft konzentrieren wir uns auf Dinge, die außerhalb unserer Kontrolle liegen.

Je mehr wir dies tun, desto enttäuschter, wütender, ängstlicher oder trauriger fühlen wir uns.

Je mehr wir uns dagegen auf das konzentrieren, was in unserer Macht steht, desto stärker sind wir, und wir können tatsächlich etwas Nützliches tun.

Außerhalb meiner Macht sind:

  • Mehrheit meiner Gefühle
  • Mehrheit meiner Gedanken
  • Mehrheit meiner Empfindungen
  • Meine Erinnerungen
  • Ob ich meine Ziele erreiche oder nicht
  • Wie gut ich mich fühle, wenn ich tue, was ich tue
  • Was andere Leute sagen und tun
  • Wie andere meine Motivationen wahrnehmen
  • Wie andere mich beurteilen oder wahrnehmen
  • Was in der Zukunft passiert
  • Was in der Vergangenheit passiert ist
  • Unvermeidliche schmerzliche Verluste im Leben
  • Ob das Leben mir das gibt, was ich will
  • Alterung, Krankheit und Verletzungen, sowie mein Tod

Potentiell unter meiner Kontrolle sind:

  • Wie ich auf meine Gefühle reagiere
  • Wie ich auf meine Gedanken reagiere
  • Wie ich auf meine Empfindungen reagiere
  • Wie ich auf meine Erinnerungen reagiere
  • Wieviel ich für meine Ziele unternehme
  • Wie sehr ich mich auf das konzentriere, was ich tue
  • Was ich sage und tue, um andere Menschen zu beeinflussen
  • Wieviel ich meine Werte zur Motivation einsetze
  • Ob ich mich wie eine Person benehme, die ich sein möchte
  • Was ich sage und tue, um die Zukunft zu beeinflussen
  • Wie ich auf Gedanken über die Vergangenheit reagiere
  • Wie mitfühlend ich mir selbst gegenüber bei Verlusten bin
  • Die Werte, nach denen ich lebe – egal, ob das Leben mir das gibt oder nicht, was ich will
  • Wie gut ich auf mich selbst aufpasse

Quelle: Russ Harris – The Happiness Trap

191 Wochen …

… ist es nun her, dass meine liebe Frau nicht mehr ist.

115,51 Millionen Sekunden habe ich allein weitergelebt, irgendwie. Das Bett neben mir war leer in den letzten 1337 Nächten. Keine Frau mehr in meinem Leben. Immer allein, manchmal einsam.

Und so wird es weitergehen. Auch mich wird das Schicksal des Todes ereilen, nur wann – das weiß nur Gott. Manchmal habe ich Angst, dass mich in der leeren Wohnung der Tod trifft. Oder mit vielen Schmerzen in einer der Verwahranstalten für Todkranke oder Alte, die es so gibt. Der Tod und die Zeit der Gebrechen davor wird gut versteckt in unserer Gesellschaft der „ewigen Jugend“. Es ist gut, dass man den Termin nicht weiß. Momentan bin ich krank, und ich weiß nicht warum. Ist es harmlos, oder nicht? Keine Ahnung. Jede Diagnose könnte eine sehr schlimme sein …

Aber es eigentlich auch egal. Ich bin dankbar für dieses Leben, besonders bin ich dankbar für die schönen Jahre zusammen mit meiner lieben Frau. Jeder Tag kann der letzte sein, deshalb versuche ich jeden Tag ein wenig wertzuschätzen.

Das Wichtigste ist Akzeptanz. Fühlen, akzeptieren, loslassen. Jede Anhaftung bedeutet nur Schmerz.