Sie ist immer bei mir

Letzte Woche am Montag waren es exakt 1.500 Tage, dass meine Frau nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Vier Wochen davor hatte ich mir einen Tritt gegeben und eine Kanaren-Madeira-Kreuzfahrt gebucht. Raus aus dem Trott. Raus aus diesem gleichförmigen Witwer-Leben, das wie ewiger Urlaub aussieht, aber doch keiner ist. Raus aus der Komfortzone. Mal was ganz anderes sehen, auch wenn das schnatternde Gehirn einem dauernd einredet, dass das alles keinen Sinn mehr macht oder dass es das Geld nicht wert ist.

Die Kanaren und Madeira kannte ich nicht, und ich wollte unbedingt mal selbst in Augenschein nehmen, wie es da so ist. Und dann wollte ich endlich mal wieder mit dem Schiff unterwegs sein. Rausschauen in die unendliche Weite der Wellen und Wolken, den Wind spüren, …

Es war ein sehr schöner Urlaub, wenn man die Menschenmassen in den Buffetrestaurants und auf dem Sonnendeck einfach einmal ausblendet …

Während dieser Reise spürte ich meine liebe Frau oft sehr nah bei mir.

Schon im Flugzeug über den Wolken – wie schon bei den zwei anderen Flugreisen nach ihrem Tod – stellte sich dieses Gefühl erneut schnell ein. Hier in der Weite des Himmels spüre ich immer ein Gefühl der Nähe zu ihr. Wenn sie irgendwo sein sollte, dann nicht im Grab, nicht zu Hause, dann eher hier im grenzenlosen Raum.

An den beiden Seetagen zwischen den Kanaren und Madeira war es genauso. Meine Frau wurde auf einer Insel geboren, sie liebte das Meer und es war ihr vertraut. Anders als in der städtischen Enge zu Hause, spürte ich hier ihre Nähe.

Auf Madeira im botanischen Garten wusste ich sofort, dass es ihr hier sehr gefallen hätte – die verschiedenen Blüten, die Ausblicke auf das Meer…

Als der Bus auf Teneriffa den Nebel und den Wald verließ, war da nur noch der Pico del Teide und das Wolkenmeer. Ähnliches hatten wir einmal auf Taiwan am Alishan erlebt: ein endloses Wolkenmeer. Wie glücklich war meine Frau damals!

Und auf Fuerteventura sah das Meer so blaugrün aus wie an der Côte d’Azur. Was für ein Blick, der (zwar künstliche) weiße Strand, das Meer, das Schiff! Unwirklich, und doch war es so. Das hätte sie geliebt, diese Farben, diese Atmosphäre.

Ich bin allein – aber sie ist immer bei mir …

Und ich erinnere mich gerade an ein sehr altes chinesisches Liebesgedicht:

Ihr reist in die Ferne
westwärts nach Qin.
Ich wäre so gerne
Euer Schatten,
dass ich immer und überall bei Euch bin.
Doch wünsch‘ ich Euch nicht,
im Schatten zu stehn.
Bleibt nur immer im Licht.
Dann könnt Ihr mich sehn.

Werbeanzeigen