Ein Wort an Dich, lieber unbekannter Leser…

Im Moment gibt es Menschen auf der ganzen Welt, die sind genau wie Du.

Sie sind entweder einsam, sie vermissen jemanden, sie sind traurig, sie sind verletzt, sie sind von der Vergangenheit gezeichnet, sie haben persönliche Probleme, und sie haben Geheimnisse, die man nicht glauben kann.

Sie wünschen, träumen und hoffen.

Und im Moment sitzt Du hier vor Deinem Bildschirm, und Du liest diese Worte.

Ich schreibe dies hier für Dich, damit Du Dich nicht mehr so allein fühlst.

Denke immer daran: sei nicht übermäßig traurig in Bezug auf die Vergangenheit, sorge Dich nicht allzu sehr um die Zukunft. Versuch Dich nur auf das Heute zu konzentrieren.

Wenn nun der heutige Tag nicht so toll ist, mach Dir keine Sorgen!
Denn morgen hast Du eine neue Chance.

Alles Gute für Dich.

Wann ist die Trauer endlich zu Ende?

Meine Frau ist heute vor 227 Wochen gestorben. Und in diesen 4 Jahren und 4 Monaten habe ich mich oft gefragt:

Wann ist die Trauer endlich zu Ende?

Vielleicht fragen Sie sich das auch gerade, wenn Sie dies hier lesen.

Ich kann hier nur von mir schreiben. Andere Trauernde werden es wahrscheinlich völlig anders erleben.

In diesem Jahr 2019 war bislang bei mir die Trauer substantiell weniger als in den 3¾ Jahren davor (2015 bis 2018).

Ich könnte auch sagen: Meine Trauer hat knapp 200 Wochen gedauert.

Anfang dieses Jahres schrieb ich: „2019 ist das Jahr des Entrümpeln, des Wegwerfens, des Aufräumens. Jeden Tag ein Schrankteil, eine Schublade, usw. – durch alle Zimmer, Keller, Dachboden.“

Fast fünf Monate habe ich entrümpelt, weggeworfen, aufgeräumt: viele Sachen von mir und von meiner Frau.

Das war ungeheuer befreiend und erleichternd.

Dazu zwei Reisen, die lange gewünscht waren und nichts mehr mit meiner Frau zu tun hatten. Es waren meine Reisepläne, die ich umgesetzt hatte.

Ich denke noch oft an meine Frau, aber diese Wehmut, diese Sehnsucht und Traurigkeit ist inzwischen die meiste Zeit verschwunden. Ich habe mein Leben wieder „in die Hand“ genommen: ich plane Neues, und es macht wieder Freude.

Klar ist: die Trauer wird irgendwann mal wieder zurückkommen, aber das ist für mich absolut in Ordnung, und es wird mich nicht erschrecken. Solche kleineren Trauerepisoden würde ich zur ursprünglichen Trauerzeit nicht mehr dazurechnen.

Ich bin momentan die wichtigste Person in meinem Leben, und ich muss das Beste aus meinem restlichen Leben machen. Ich bin allein dafür verantwortlich, niemand sonst. Und das hat nichts mit Egoismus zu tun.

Es ist mein Leben. Und eine neue Beziehung ist für mich kein Thema. Wenn es sich ganz zufällig ergeben würde: vielleicht. Man soll ja niemals „Nie“ sagen. Aber mit fast 70 sollte man auch ein wenig Realist sein.

Veränderungen

Meine Tochter und ihre Familie haben sich entschieden, für einige Jahre und „open end“ in die Heimat ihrer Mutter bzw. meiner Frau auszuwandern. Mein Schwiegersohn hatte dort ein attraktives Stellenangebot gefunden, und er wurde akzeptiert. Inzwischen sind meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelin in ihre neue Wahlheimat geflogen. Sie müssen ihren Lebensweg selbst finden – da habe ich nichts hineinzureden.

Aber ihr Weggang und ihre große räumliche Distanz schmerzen mich schon, auch in Zeiten von Messenger, WhatsApp & Co. Ich muss damit irgendwie klarkommen. Einfach wird das nicht.

Norwegen

Vier Jahre und mehr als drei Monate sind nach dem Tod meiner Frau vergangen.

Zu Beginn dieses Jahres habe ich einen Neubeginn für mein eigenes Leben angepackt. Zuerst einige Monate des Entrümpeln, des Wegwerfens, des Aufräumens. Das hatte etwas ungeheuer Befreiendes. Nicht dass ich nur Dinge weggeworfen habe, die einmal meiner Frau gehörten. Es waren weitaus mehr Dinge, die mir gehörten. Vieles hat jetzt einfach keine Bedeutung mehr.

Dann war ich im April auf den Kanaren und Madeira. Nun, zwei Monate später, war ich zehn Tage in Norwegen. Beide Ziele waren neu für mich und waren langgehegte Reisewünsche.

Besonders die Norwegenreise hat meiner Seele gutgetan.

Das mehr oder minder angenehme Leben zu Hause hat oft zu wenig neue visuelle Reize, hat zu viel Routine, verleitet zum Grübeln und zu einem schädlichen Schongang.

Die unendliche Weite der Landschaft, des Himmels oder des Meeres hat etwas enorm Beruhigendes. Das Leben in Norwegen hat eine viel geringere Geschwindigkeit und Lautstärke. Auf den Straßen spürt man die ca. 25% E-Autos sofort, genau wie den nicht von Eile und Aufgeregtsein geprägten Fahr- und Lebensstil.

Die nachfolgenden Fotos mögen dies ein wenig verdeutlichen.

Ich habe oft an meine Frau gedacht; sie hätte diese Reise sehr gemocht.

Das Leben geht weiter, und ich werde aus meinem restlichen Leben das Beste machen. Zu Hause sitzen, grübeln, traurig sein, sich im Selbstmitleid ergehen – das kann es nicht sein. Es gibt noch viel Neues zu entdecken. Auch allein.

Sie ist immer bei mir

Letzte Woche am Montag waren es exakt 1.500 Tage, dass meine Frau nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Vier Wochen davor hatte ich mir einen Tritt gegeben und eine Kanaren-Madeira-Kreuzfahrt gebucht. Raus aus dem Trott. Raus aus diesem gleichförmigen Witwer-Leben, das wie ewiger Urlaub aussieht, aber doch keiner ist. Raus aus der Komfortzone. Mal was ganz anderes sehen, auch wenn das schnatternde Gehirn einem dauernd einredet, dass das alles keinen Sinn mehr macht oder dass es das Geld nicht wert ist.

Die Kanaren und Madeira kannte ich nicht, und ich wollte unbedingt mal selbst in Augenschein nehmen, wie es da so ist. Und dann wollte ich endlich mal wieder mit dem Schiff unterwegs sein. Rausschauen in die unendliche Weite der Wellen und Wolken, den Wind spüren, …

Es war ein sehr schöner Urlaub, wenn man die Menschenmassen in den Buffetrestaurants und auf dem Sonnendeck einfach einmal ausblendet …

Während dieser Reise spürte ich meine liebe Frau oft sehr nah bei mir.

Schon im Flugzeug über den Wolken – wie schon bei den zwei anderen Flugreisen nach ihrem Tod – stellte sich dieses Gefühl erneut schnell ein. Hier in der Weite des Himmels spüre ich immer ein Gefühl der Nähe zu ihr. Wenn sie irgendwo sein sollte, dann nicht im Grab, nicht zu Hause, dann eher hier im grenzenlosen Raum.

An den beiden Seetagen zwischen den Kanaren und Madeira war es genauso. Meine Frau wurde auf einer Insel geboren, sie liebte das Meer und es war ihr vertraut. Anders als in der städtischen Enge zu Hause, spürte ich hier ihre Nähe.

Auf Madeira im botanischen Garten wusste ich sofort, dass es ihr hier sehr gefallen hätte – die verschiedenen Blüten, die Ausblicke auf das Meer…

Als der Bus auf Teneriffa den Nebel und den Wald verließ, war da nur noch der Pico del Teide und das Wolkenmeer. Ähnliches hatten wir einmal auf Taiwan am Alishan erlebt: ein endloses Wolkenmeer. Wie glücklich war meine Frau damals!

Und auf Fuerteventura sah das Meer so blaugrün aus wie an der Côte d’Azur. Was für ein Blick, der (zwar künstliche) weiße Strand, das Meer, das Schiff! Unwirklich, und doch war es so. Das hätte sie geliebt, diese Farben, diese Atmosphäre.

Ich bin allein – aber sie ist immer bei mir …

Und ich erinnere mich gerade an ein sehr altes chinesisches Liebesgedicht:

Ihr reist in die Ferne
westwärts nach Qin.
Ich wäre so gerne
Euer Schatten,
dass ich immer und überall bei Euch bin.
Doch wünsch‘ ich Euch nicht,
im Schatten zu stehn.
Bleibt nur immer im Licht.
Dann könnt Ihr mich sehn.

Weihnachten 2018 – das 4. allein

Wieder Weihnachten, wieder ein Jahr fast vorbei. Dieses Jahr war nicht schön. Ich bin 68 geworden und die „Einschläge“ des Alters und der Krankheiten rücken näher. Nach der Trauer der letzten Jahre, die weniger geworden ist, ist es jetzt mein persönliches Altern, das ausgehalten und akzeptiert werden muss.

Weihnachtsfeste habe ich viele erlebt, sehr viele schöne – dank meiner lieben Eltern, zusammen mit meiner Frau und meiner Tochter, und nun mit meiner kleinen Enkelin. Die Feste haben sich enorm verändert. Früher in den Fünfzigern des vergangenen Jahrhunderts war Weihnachten einfacher, aber irgendwie verzauberter, mit mehr Schnee, mehr Stille, mit echten Kerzen und mehr Lametta.

Dieser Zauber ist ein wenig verlorengegangen.

Mit meiner Frau und meiner Tochter habe ich später viele schöne Weihnachten verlebt, viel moderner im Stil und als eigene Familie.

Jetzt ist auch dies vorbei.

Heiligabend zusammen mit meiner Tochter, meinem Schwiegersohn und meiner Enkelin ist wieder ganz anders als die vielen Weihnachten davor. Meine Frau wird zumindest von mir an diesem Tag schmerzlich vermisst. Und ich werde alt. Ich merke, dass ich das manchmal noch nicht wahrhaben will.

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie was man kriegt.“  (aus dem Film „Forrest Gump“). Das gilt auch für Weihnachten, denn Weihnachten ist auch ein Spiegelbild der aktuellen Lebenssituation. Die aktuellen Pralinen sind nicht mehr so toll wie früher einmal.

Besonders an Weihnachten gilt: Leiden ist immer eine persönliche Entscheidung. Eckhart Tolle sagt dazu: „Der Ursprung des Leidens ist die Weigerung, das zu akzeptieren, was jetzt im Leben da ist“ (siehe dazu: Quelle und Erläuterungen).

Ich werde an den zwei Weihnachtsfeiertagen allein sein, werde akzeptieren was ist. Etwas Schönes essen, ein Buch lesen, spazieren gehen, Weihnachtsfilme anschauen, die ich mag … Es werden zwei schöne Tage, mit meiner Frau in meinem Herzen.  Da bin ich mir sicher.

Candles in the window
Shadows painting the ceiling
Gazing at the fire glow
Feeling that gingerbread feeling
Precious moments
Special people
Happy faces
I can see …
Somewhere in my memory
Christmas joys all around me
Living in my memory
All of the music
All of the magic
All of the family home here with me …

(Filmmusik aus dem Film „Kevin allein zu Haus“ von John Williams)

Allen Lesern dieses Blogs wünsche ich gesegnete Weihnachten.

Mögen Sie sich in Liebe und Dankbarkeit der Weihnachtsfeste erinnern, die Sie mit ihrem verstorbenen Angehörigen verleben durften, und mögen Sie trotz Traurigkeit schöne Momente beim diesjährigen Fest im Kreise von lieben und verständnisvollen Menschen erleben.

191 Wochen …

… ist es nun her, dass meine liebe Frau nicht mehr ist.

115,51 Millionen Sekunden habe ich allein weitergelebt, irgendwie. Das Bett neben mir war leer in den letzten 1337 Nächten. Keine Frau mehr in meinem Leben. Immer allein, manchmal einsam.

Und so wird es weitergehen. Auch mich wird das Schicksal des Todes ereilen, nur wann – das weiß nur Gott. Manchmal habe ich Angst, dass mich in der leeren Wohnung der Tod trifft. Oder mit vielen Schmerzen in einer der Verwahranstalten für Todkranke oder Alte, die es so gibt. Der Tod und die Zeit der Gebrechen davor wird gut versteckt in unserer Gesellschaft der „ewigen Jugend“. Es ist gut, dass man den Termin nicht weiß. Momentan bin ich krank, und ich weiß nicht warum. Ist es harmlos, oder nicht? Keine Ahnung. Jede Diagnose könnte eine sehr schlimme sein …

Aber es eigentlich auch egal. Ich bin dankbar für dieses Leben, besonders bin ich dankbar für die schönen Jahre zusammen mit meiner lieben Frau. Jeder Tag kann der letzte sein, deshalb versuche ich jeden Tag ein wenig wertzuschätzen.

Das Wichtigste ist Akzeptanz. Fühlen, akzeptieren, loslassen. Jede Anhaftung bedeutet nur Schmerz.

175 Wochen

Was sind 175 Wochen? Fast 30.000 Stunden. 1.225 Tage. Über 40 Monate.

Die meisten sagen sicher: „Eine lange Zeit.“.

Und wenn es um die Trauer geht, sagen die meisten sicher: „Du trauerst immer noch – kann es damit nicht nun endlich genug sein?“.

Ja, manchmal zieht sich die Trauer zurück. Und sie ist weniger geworden.

Aber verschwunden? — Nein.

Genug Trauer? — Wenn es so einfach wäre.

Die Trauer kommt einfach – an einem trüben Tag, oder an einem herrlichen Sommertag.

Was soll man machen? Irgendwie weiterleben.

Aber manchmal bin ich müde. Müde wegen meines inzwischen zumeist banalen Lebens.

Du fehlst mir.
Ich vermisse dich.
Ich liebe dich.

Allein sein

Eines ist klar: eine Frau wie meine verstorbene Frau werde ich nie mehr finden.

Meine Frau hatte immer ein jugendliches Aussehen – mit 50 sah sie aus wie 30. Sie war immer sehr schlank und drahtig, sportlich, nie ein Gramm Fett zu viel, BMI immer um die 18. Zudem war sie intelligent, sprach als eine Frau aus Asien nahezu fehlerfreies und flüssiges Deutsch, war sehr belesen, sah gern anspruchsvolle Filme. Sie folgte immer ihren Werten: Bildung, Naturliebe, Familiensinn, usw., und ein Gräuel waren ihr Materialismus und Kaufrausch.

Und dabei war sie eine (asiatische) Schönheit; eine Traum-Frau – ich übertreibe nicht. Immer wenn ich in Asien war, habe ich schnell gemerkt, dass auch dort wenige Frauen so attraktiv wie meine Frau waren. Und im Vergleich zu europäischen Frauen sowieso …

Ich bin kein Narr. In den letzten Jahren habe ich viele Frauen in meinem Alter gesehen. Sie interessieren mich einfach nicht. Ich bin außerdem fast 68. Ich kenne meine Grenzen und werde mich nicht in Dating-Portalen selbst zum Affen degradieren. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ich bin in Bezug auf Frauen anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich allein mein Leben weiterführe, ist deshalb sehr, sehr nahe bei 100 Prozent.

Das ist aber nicht schlimm, denn nach meiner mehrjährigen Trauerzeit mit vielen Gefühlen der Einsamkeit beginne ich mein Alleinsein immer positiver zu sehen und zu genießen.

Das Alleinsein hat ja so viele Vorteile: ich kann mich so verhalten und benehmen, wie ich mag, ohne Rücksicht zu nehmen oder Angst zu haben, was jemand anderes denken könnte, ich kann meinen eigenen Rhythmus finden und leben, ich kann in Ruhe über mich, mein Leben und meine Ziele nachdenken, ohne Einflüsse und ohne Druck von außen, …

Nachts besucht mich meine verstorbene Frau ab und zu in meinen Träumen. Tagsüber genieße ich mein Leben, allein und frei.

Diese Freiheit ist einfach unbezahlbar…

Zwischenbilanz nach 167 Wochen

167 Wochen, oder 38½ Monate, oder knapp 3¼ Jahre lebe ich nun allein, da meine liebe Frau mit 63 Jahren heimgerufen wurde.

Was für eine lange Zeit. Und doch fühlt sie sich so kurz an. Und in 2 Jahren bin vielleicht 70, wenn ich es denn erlebe.

Heute eine kleine Zwischenbilanz, die vielleicht negativer ausfällt als sie sollte, da ich momentan in einem Trauertal und einer gewissen Lebensstagnation feststecke.

Falls das hier jemand liest, der auch einen lieben Menschen verloren hat, könnte das manchem auch Angst bereiten; aber bitte immer dran denken: mein Schicksal ist nicht Ihr Schicksal, lieber Leser oder liebe Leserin.

Warum wieder ein Trauertal? Nach so langer Zeit?

Da genügt nicht viel: eine harmlose Erkrankung, die nicht weichen will – dann starb die Katze meiner Tochter vor ein paar Tagen – und selbst das schöne Wetter ohne einen geliebten Partner an all den Feier- und Brückentagen – all das treibt mich momentan in die Traurigkeit, in ein Trauertal.

Wenn alles früher besser war und heute schlechter, dann kommen die gefährlichen negativen Bewertungen im Kopf, selbst wenn es früher gar nicht alles wirklich besser war. Und aus den negativen Bewertungen kommen negative Gefühle, und die böse Spirale beginnt. Theoretisch ist es völlig klar, wie ungut so etwas ist. Und doch passiert es: ich bin traurig, unzufrieden, allein, fühle mich auf einem Trauer-Abstellgleis.

Stagnation macht sich breit, besonders auch deswegen, weil die Zeit rennt: gestern war noch Weihnachten, heute morgen ist Ostern vorbeigeflogen. Morgen ein wenig Sommer und Herbst, und übermorgen ist schon wieder Weihnachten. Jede Woche ist stramm durchorganisiert, und jede ist so langweilig wie die letzte.

Veränderungen wären wünschenswert, sind aber anstrengend. Manchmal habe ich einfach keine Kraft. Und keine Motivation. Dann überlege ich: was bringen mir solche Veränderungen? Die Antwort ist meist: Nichts, nur Mühe ohne Sinn. Dann kann ich es auch lassen.

Zum Beispiel: Verreisen. Warum soll ich noch groß verreisen, wenn man die Erlebnisse nur noch mit sich selbst teilen kann? Kein Partner da, mit dem man einen Sonnenuntergang oder einen Museumsbesuch teilen könnte. Allein ist es sinnlos, zumindest für mich.

Mir wird oft empfohlen, mich mit anderen Menschen zu verbinden, was immer das auch heißen mag. Aber das ist schwierig. Schwierig deshalb, weil ich mit der überwiegenden Mehrheit der „Anderen“ nichts anfangen kann und diese nichts mit mir. Zu speziell die Hobbies, zu speziell die Launen und Lebenserfahrungen. Auch fühle ich mich erheblich jünger als ich bin, eher Anfang 50 und nicht Ende 60. Aber für Leute Anfang 50 bin bzw. wirke ich zu alt.

Jemand schrieb folgendes – und dem kann ich voll zustimmen:

Warum ich lieber alleine bin …
Das Problem bin nicht ich.
Das Problem sind auch nicht die Anderen.
Das Problem ist die Differenz zwischen mir und den Anderen.

Eine einfache Lösung gibt es dafür nicht. Also warte ich auf den Zufall. Viel Zeit habe ich nicht, und die Wahrscheinlichkeit für eine Lebenswendung ist sehr gering.

Ich habe den schönen Teil meines Lebens bereits gelebt. Dafür bin ich besonders meiner verstorbenen Frau sehr dankbar.

Jetzt heißt es jeden Tag: „Weitermachen!“ und das Beste aus der Restlaufzeit machen. Das Leben – besonders das im Alter – ist nichts für Feiglinge.

Eine „Neue“ – die Lösung aller Probleme?

Vor einiger Zeit habe ich mal wieder gute Rat-Schläge bekommen. Es ging um meine aktuelle Lebensgestaltung, meine psychosomatischen Störungen, meine Traurigkeit, mein Alleinsein und was man dagegen tun könnte. Und dass mein jetziger Lebensstil ohne viele menschliche Kontakte und Bindungen einfach nicht gesund wäre. Ganz nach den Aussagen dieses Buches oder dieser Webseite:

Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich.

Isolation und Einsamkeit sind ein immer höher werdendes Gesundheitsrisiko. Höher noch als Übergewicht.

Der schlichte Rat-Schlag war dann: „Such‘ dir ’ne Neue!“

Aber es geht nicht. So einfach ist es nicht. Nicht, dass ich zu dämlich oder zu knauserig wäre, mich über ElitePartner, Parship oder ein ähnliches Portal der reiferen Damenwelt anzubieten. Und damit alle Probleme zu lösen.

Meine Seele, mein Gefühl, sagt mir, dass das momentan kein Weg für mich ist. Und dass es nach mehr als drei Jahren zu früh ist. Wirklich zu früh. Und dass eine neue Beziehung, wenn überhaupt, höchstens zufällig passieren sollte und nicht gesteuert.

Eine Frau behauptete vor kurzem in einem Verwitweten-Forum dieses:

Männern fällt es meistens leichter als uns Frauen, sich auf eine neue Partnerschaft einzulassen …

Stimmt für mich schon mal nicht.

Ich bin wirklich einsam ohne dich

Dieser (vielleicht etwas banale) chinesische Pop-Song spricht mir momentan besonders aus der Seele. Aus zwei Gründen: Meine Frau war Chinesin. Und ihr Todestag jährt sich in ein paar Tagen zum dritten Mal. Mein Leben ist nicht mehr wie es mal war, und es wird nie mehr so sein. Das Leben ist endlich; das Glück ist endlich. Zurück bleiben nur schöne Erinnerungen und Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre.

游走在街头一个人孤单
(yóuzǒu zài jiētóu yīgèrén gūdān)
allein durch die Straßen gehen …

所有的快乐都和我无关
(suǒyǒu de kuàilè dōu hé wǒ wúguān)
diese ganze Fröhlichkeit hat nichts mit mir zu tun …

没有你陪伴我真的好孤单
(méiyǒu nǐ péibàn wǒ zhēn de hǎo gūdān)
ich bin wirklich einsam ohne dich …

我的心好慌乱被恐惧填满
(wǒ de xīn hǎo huāngluàn bèi kǒngjù tián mǎn)
mein Herz ist konfus und voller Angst …

没有你在身边真的好不习惯
(méiyǒu nǐ zài shēnbiān zhēn de hǎo bù xíguàn)
dich nicht neben mir zu haben, bin ich wirklich nicht gewohnt …

Sängerin: 梦然 (Meng-Ran oder Mira), geb. 1989 in Ulanhot, Innere Mongolei

Songtitel: 没有你陪伴真的好孤单 (Méiyǒu nǐ péibàn wǒ zhēn de hǎo gūdān) / Ich bin wirklich einsam ohne dich

Youtube-Video, gesungen von 梦然 (Meng-Ran oder Mira)

Weiteres Youtube-Video, gesungen von einem Mann (冷漠 / Leng Mo oder MoMo)

15 Kippen am Tag, …

… obwohl ich nicht rauche. Aber ich bin allein und oft einsam.

„Das Gefühl allein zu sein und niemanden zu haben ist nachweislich schlechter für die Gesundheit als das Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag.“

— Mark Robinson, Chef von Age UK, zitiert in diesem Artikel

huy-phan-lonely-man
Foto von Huy Phan auf Unsplash.

Siehe dazu auch diese Artikel:

So ist es – nach 150 Wochen

Heute vor genau 150 Wochen bist Du gestorben.

Was für eine lange Zeit! Und doch irgendwie kurz, da die Zeit so schnell vergangen ist. Manchmal bringe ich bereits Dein Todesjahr durcheinander: war es 2014, 2015 oder 2016? Aber nahezu jede Woche erinnere ich mich an den Freitagabend, als – völlig unerwartet – die Schwester der Palliativstation anrief und mir mitteilte, dass Du diese Welt verlassen hast…

Heute Nacht träumte ich von Dir – irgendwelche Alltagssituationen, als sei nichts gewesen: keine Krankheit, kein Tod, keine Trauer… Solche Träume hinterlassen immer ein schönes Gefühl.

Ich beginne mich mit dem Alleinsein anzufreunden. Die Einsamkeit und die Traurigkeit besuchen mich manchmal. Aber zunehmend seltener.

Einige Hobbies mache ich inzwischen wieder mit Freude und Befriedigung. Andere, wie z.B. das Verreisen, machen mir allein keinen Spaß mehr. Ich bin neugierig, ob sich das irgendwann noch ändert.

In zweieinhalb Jahren bin ich bereits 70, und da mache ich mir keine Illusionen oder falschen Hoffnungen. Nach meinem Gefühl bin ich zwar eher 55, aber der Spiegel zeigt mir was anderes. Auf alle Fälle werde ich deshalb nicht in Torschlusspanik verfallen. Ich muss keine Bucket-List (Liste mit Dingen, die man noch nie gemacht hat, aber in seinem weiteren Leben gerne noch machen würde) abarbeiten.

Du hast mir mehr als 25 tolle, gemeinsame Jahre geschenkt, und dafür bin ich Dir sehr dankbar.

Weihnachten 2017 – das 3. allein

Lange habe ich mit mir gerungen: soll ich dieses Jahr einen Weihnachtsbaum aufstellen oder nicht? Nur für mich allein?

Ich hatte bis heute keine große Lust auf Weihnachten. Meine Tochter wollte an der Tradition nichts ändern – also fahre ich Heiligabend zu ihr, zum Schwiegersohn und zur Enkelin – und nicht umgekehrt sie alle zu mir (dann hätte ich ganz sicher mehr Motivation gehabt).

Doch heute habe ich den Weihnachtsbaum doch aufgestellt. Nur für mich. Und weil man nie weiß, ob man das nächste Weihnachten noch feiern kann …

So hat sich wieder diese inzwischen mehr melancholische als fröhliche Weihnachtsstimmung in meiner Wohnung (und in mir) „breit gemacht“, die so sehr dieser Komposition des berühmten Filmmusik-Komponisten John Williams entspricht: „Somewhere in my memory“

Candles in the window
Shadows painting the ceiling
Gazing at the fire glow
Feeling that gingerbread feeling
Precious moments
Special people
Happy faces
I can see …
Somewhere in my memory
Christmas joys all around me
Living in my memory
All of the music
All of the magic
All of the family home here with me …

Allen Lesern dieses Blogs wünsche ich gesegnete Weihnachten.

Mögen Sie sich in Liebe und Dankbarkeit der Weihnachtsfeste erinnern, die Sie mit ihrem verstorbenen Angehörigen verleben durften, und mögen Sie trotz Traurigkeit schöne Momente beim diesjährigen Fest im Kreise von lieben und verständnisvollen Menschen erleben.

Mehr Fragen als Antworten

… Wenn der Himmel ohne Farben ist
Schaust du nach oben und manchmal fragst du dich
Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?
Ist da jemand, der noch an mich glaubt?
Ist da jemand? Ist da jemand?
Der mir den Schatten von der Seele nimmt?
Und mich sicher nach Hause bringt?
Ist da jemand, der mich wirklich braucht?
Ist da jemand? Ist da jemand? …


Künstler: Adel Tawil
Song: Ist da jemand
Album: So schön anders

Raus aus der Komfortzone

Es gab noch einen weiteren Grund, diese Reise nach Asien zu den Verwandten meiner Frau zu machen.

Ich wollte mich wieder spüren. Ich wollte das Leben wieder spüren – nach all der Trauer und dem vermeintlichen sicheren und bequemen „Alltagstrott“-Leben, das eigentlich kein Leben ist – nur Routine. Ich wollte mein Leben wieder aktiv steuern, in eine Richtung gemäß meinen eigenen Werten.

Dazu musste ich raus aus meiner Komfortzone. Es braucht Mut. Aber nur außerhalb meiner Komfortzone beginnt das eigentliche Leben. Die Muskeln schmerzen. Das Klima ist oft zu heiß oder zu kalt. Die Toiletten sind manchmal unzumutbar. Aber auch viel Schönes und Unerwartetes kommt auf einen zu: lächelnde Menschen, Hilfsbereitschaft, leckeres Essen, Schönheit in Natur und Kunst, …

Es war gut, das wieder zu spüren und zu erleben. Für mich war es ein wichtiger Schritt in meiner Trauerbewältigung. Ich kann das aushalten: das Alleinsein, die Traurigkeit, die Einsamkeit, die Müdigkeit, die Beschwernisse.

Alles ist in Ordnung, so, wie es gerade kommt. Das ist das Leben.

Quelle der Abbildung: http://stylishtravelgirl.com/quotes/

Zwischenbilanz nach 30½ Monaten

Anfang dieses Jahres – zwei Jahre nach dem Tod meiner Frau – war ich ziemlich überzeugt, dass das Schlimmste hinter mir liegt.

„Schlimmste“ ist eigentlich Quatsch, da dieses Wort eine Bewertung meiner Trauer und anderer Gefühle beinhaltet. Warum sollte Trauer eigentlich als „schlimm“ und inhärent negativ eingestuft werden? Eigentlich ist es doch das Natürlichste auf der Welt. Es sind zudem einfach nur Gefühle, und die Bewertung verschlimmert das Ganze zumeist auch noch. Das nennt man dann Teufelskreis. Was ich fühle, ist was ich fühle. Punkt. Auch nach über 30 Monaten. Andere verstehen das nicht.

Diese mehr oder minder eingebildete Überzeugung, dass ich „es“ langsam geschafft haben müsste, hat sich natürlich (wieder einmal) als gewaltiger Irrtum herausgestellt. Als unser Enkelkind sechs wurde, als es dann einige Zeit später in die Schule kam, und die Omi nicht dabei war, da hat es mich vorher, am Tag selbst und danach wirklich emotional aus dem mühsam gewachsenen Gleichgewicht geworfen. Dazu kam der verregnete Sommer und auch noch massive psychovegetative Spielchen, die mir Seele (und Körper) immer wieder von Zeit zu Zeit spielen. Wahrscheinlich weil ich meine Gefühle innerlich ablehne.

Fazit: Das dritte Trauerjahr, von dem jetzt mehr als die Hälfte um ist, war bislang und ist kein Lichtblick für mich. Das Einzigste, was positiv heraussticht, ist, dass mir meine Hobbies wieder Spaß bereiten. Ich bin aber mit meinem Leben nicht zufrieden. Ich ergebe mich zwar nicht passiv meinem Schicksal. Ich probiere vieles, und verwerfe vieles. Wie schrieb ich vor zwei Wochen: Das Leben ist für mich einfach noch nicht „stimmig“.

Vielleicht bin ich zu sehr Perfektionist. Vielleicht sollte ich einfach das Leben mal „laufen lassen“. Ohne zwanghafte Suche. Ohne permanente Optimierung. Einfach den Denkapparat mal abschalten, und gemäß dem Motto: „Heute wird gelebt!“.

Fast zwei Jahre

2015-16-17.jpg

Noch einige Tage, dann jährt sich der Todestag meiner Frau zum zweiten Mal.

Heute habe ich mir mal wieder Fotos meiner Frau angesehen. Sogar die Fotos aus den letzten Lebensjahren meiner Frau wirken inzwischen sehr „lang her“. Die Erinnerungen verblassen oder scheinen sich zu verändern, obwohl ich jeden Tag an meine Frau denke.

Besonders morgens. Warum morgens? Weil sich nach dem Erwachen erneut ein Tag ohne meine Frau manifestiert. Obwohl ich diese Realität verstanden und akzeptiert habe, muss ich sie jeden Morgen erneut verstehen und akzeptieren.

Seit zwei Jahren allein. Das Leben um mich herum tobt weiter, aber in mir ist Traurigkeit. Viel Traurigkeit. Zwar habe ich keine Tränenausbrüche, keine heftige Trauer. Stattdessen eine unterschwellige, diffuse Melancholie.

Inzwischen fragt auch niemand mehr nach meiner Frau. Sie ist in den Köpfen der Anderen verschwunden. Sie lebt nur noch weiter in meinen Gedanken, in meinen Erinnerungen, in meinen Träumen.

Ich würde gern über meine Frau reden. Aber wen interessieren alte Geschichten? Niemand.

Das alles ist die Natur dieser Welt. Wer etwas anderes von dieser Welt erwartet, ist ein Narr.

100 Wochen, 700 Tage, fast 23 Monate

Seit exakt hundert Wochen lebe ich nun ohne meine liebe Frau. Ich vermisse sie immer noch sehr. Ich denke jeden Tag an sie. Rückblickend ist die Zeit unglaublich schnell vergangen. Es gab in diesen 100 Wochen einige schlimme Tiefs, aber auch einige gute Monate voll Optimismus. Ich glaube, dass ich die Trauer bislang gut bewältigt habe. Ich habe in Deutschland und Frankreich einige Orte besucht, die meiner Frau und mir viel bedeutet haben und habe mich dort erinnert und Abschied genommen. Ich habe mich intensiv nach neuen Aufgaben umgesehen und diese auch gefunden. Ich habe viel über die Themen Trauer, Tod, Akzeptanz gelernt. Ich habe viele Dinge neu geordnet oder verändert, aber Vieles ist auch so geblieben, wie es war, als meine Frau unsere Wohnung am Aschermittwoch 2015 verließ, um ins Krankenhaus zu gehen, wo sie gut drei Wochen später in der Palliativstation verstarb. Der zweite Jahrestag ihres Todes wird in gut einem Monat sein. Nochmals werde ich mich intensiv an die Zeit vor ihrem Tod und an den Todestag erinnern. Wie könnte ich das jemals vergessen!

Aber nun, nach fast zwei Jahren, sind Akzeptanz, liebende Erinnerung und vor allem Dankbarkeit mehr im Fokus. Für mich ist es immer noch so unglaublich, dass ich das Glück hatte, 26 Jahre eine so tolle Frau an meiner Seite haben zu dürfen. Das ist der Schatz meines Lebens, und er bleibt mir für immer.

Braucht man einen (neuen) Partner für ein erfülltes Leben?

Viele Ledige und Verwitwete wünschen sich sehnlichst einen (neuen) Partner, weil sie annehmen, dass sie nur dadurch zu einem erfüllten Leben gelangen.

Wie wäre es, wenn man diese Phantasie eines erfüllten Lebens mit einem Partner, diese Phantasie einer besseren Zukunft, loslassen würde, und man sich stattdessen auf die Erfülltheit des Lebens im Hier und Jetzt, in einem selbst, konzentrieren würde?

Über dieses interessante und wichtige Thema schreibt Leo Babauta in seinem Blog „Zen Habits“ (in Englisch).

Was ich anderen erzähle

Wie geht es dir? Alles OK?

Die Antworten, die ich gebe, sind meistens nur die halbe Wahrheit, wenn überhaupt. Wie es in mir wirklich aussieht, das erzähle ich nicht, weder meiner Tochter, auch nicht entfernteren Verwandten, natürlich auch nicht den Nachbarn und noch nicht einmal hier.

Ich spiele eine Rolle. Es ist nicht meine Rolle, die ich spiele. Ich bin innerlich manchmal trauriger und verzweifelter, als ich mich gebe. Ich spiele eine Rolle: die des Witwers, der alles im Griff hat und der ganz gut über den Tod seiner Frau hinwegkommt oder hinweggekommen ist. Tatsächlich bin davon vielleicht entfernter, als andere denken; meine Tochter, die Nachbarn, auch die Leser hier.

Ich frage mich: was wäre, wenn ich völlig ehrlich wäre, zu allen Außenstehenden? Was wäre anders? Wäre ich dann der Jammerlappen, der in der Trauer Steckengebliebene, der in Selbstmitleid Absaufende, vielleicht sogar der Depressive?

Vielleicht will ich das alles nicht sein und verberge es.

Ich bin nicht in der Lage, zu verreisen. Treffen mit Fremden, sogar mit Bekannten, strengen mich an. Ich leide immer noch an diversen psychosomatischen Störungen, mal mehr, mal weniger. Das kalte Wetter macht mir jetzt mehr zu schaffen als früher. Und manchmal ist da eine diffuse Ängstlichkeit.

Und obendrauf dann noch diese permanente Melancholie. Die Erinnerungen an meine Frau scheinen bereits anzufangen, zu verblassen – nach fast zwei Jahren erscheint mir alles lange her. Die Trauer ist nicht mehr wie im ersten Jahr, sie hat sich verändert —

Aber das erzähle ich niemanden. Nur hier musste das mal raus.

Das 2. Weihnachtsfest allein

Heute ist der 26.12.16, es ist fast Mitternacht, Weihnachten ist nun vorbei. Zeit, ein kleines Resümee zu ziehen.

Heiligabend war ich zuerst recht angespannt – keine Ahnung, warum. Vielleicht eine unterschwellige Angst, die Kontrolle zu verlieren und plötzlich sehr traurig zu werden – vor dem Enkelkind, der Tochter und dem Schwiegersohn, seinen Eltern, seinem Bruder? Oder einfach auch etwas Erschöpfung aufgrund der Vorbereitungen und einem Infekt, der sich seit November fast sechs Wochen hinzog?

Egal, Heiligabend war sehr schön. Besonders für das Enkelkind, das eine Menge Spaß und Aufregung hatte. Und das ist das Wichtigste!

Auch ich erinnere mich immer noch sehr gern an die schönen und aufregenden Weihnachtsfeste meiner Kinder- und Jugendzeit. Was hatten meine Eltern nicht alles für mich „gezaubert“!

Inzwischen ist Weihnachten natürlich ganz anders. Ich bin nun der Opi, freue mich mit und für die Enkelin, und ich werde mir seit dem Tod meiner Frau (der Omi) meiner eigenen Endlichkeit zunehmend bewusst. Keiner weiß, wann man sein letztes Weihnachten feiert.

Für den Sänger George Michael war es mit 53 Jahren sein letztes Weihnachten – das hat mich traurig und nachdenklich gemacht. Zwei großartige Songs von ihm:

George Michael – Fast Love (Live 2008) …

George Michael – Jesus To A Child (Live 1994) …

Für die Weihnachtsfeiertage hatte ich mir – wie letztes Jahr – wieder ein sehr entspanntes Programm gestrickt: Kirchenbesuch, am 1. Feiertag selbst ein Weihnachtsessen gemacht, Restaurantbesuch am 2. Feiertag, zwei längere Spaziergänge, einige Weihnachts-Filme angeschaut wie „Kevin allein zu Haus“, „Kevin allein in New York“, „Liebe braucht keine Ferien“ und „Tatsächlich … Liebe“. Für die Bücher war kaum Zeit, aber die laufen ja nicht weg. Es war schön, traurige Momente waren selten, geweint habe ich nicht.

In der Nacht vom 1. zum 2. Feiertag habe ich überraschenderweise sehr schön von meiner Frau geträumt; sie bleibt in meinem Herzen. Einsamkeit habe ich nicht verspürt – ich versuche, an derartigen Festtagen immer proaktiv das Grübeln durch eine Menge von angenehmen und interessanten Aktivitäten zu verbannen. Das klappt ganz gut.

Allerdings wartet nun die nächste traurige Herausforderung auf mich: der zweite Jahreswechsel ohne meine Frau. Niemand mehr da zum gegenseitigen Anstoßen, Glück-Wünschen und Küssen. Ich kann mir nur selbst Glück wünschen. Aber auch das wird vorbeigehen. Ich frage mich nur: wie wird 2017? Weitere Weichenstellungen in meinem neuen Leben stehen an, aber mir fehlt der Mut. Oder soll ich das Leben einfach weiter an mir vorbei plätschern lassen? Ich habe dazu wirklich (noch) keinen Plan …

Ich koche nicht – ich wärme auf

Ich habe in meinem Leben nie richtig kochen gelernt.

Als ich bei meinen Eltern wohnte, kochte meine Mutter. Leider hat sie mir von ihren Künsten in der Küche nichts beigebracht.

Beim Bund kochte der Küchenbulle, und im Feld habe ich nur auf dem Esbit-Kocher mal was für mich aufgewärmt.

An der Uni gab’s dann die Mensa.

Und als ich endlich richtig erwachsen war und mein eigenes Geld verdiente, gab es das Firmen-Kasino mit gedeckten Tischen und Bedienung (ja, 1977 gab es das noch, zumindest für angehende Führungskräfte und Diplom-Ingenieure).

Meine erste Frau konnte auch nicht richtig kochen …

Dann kam die Scheidung und ich war allein. Aber Samstag und Sonntag gab es ja Restaurants. Wieder kein Grund, sich mit dem Thema Kochen zu beschäftigen.

Meine zweite Frau (die jetzt 1¾ Jahre tot ist) konnte sehr gut kochen. Sie hat mir in den letzten Jahren, als ich als Pensionär zu Hause war, einige Gerichte beigebracht, die ich auf ab und zu für uns zwei gekocht habe. Aber …

… ich bin leider enorm ungeschickt in der Küche. Und meine rationale Denke sagt mir, dass ein Aufwand von einer Stunde für ein einzelnes Essen einfach zu hoch ist. Dazu die vielen Zutaten, die man meist in viel zu großen Einheiten (für Familien eben) kaufen muss, sind einfach für Einzel-Portionen ungeeignet. Da vergammelt am Ende das meiste! Letztendlich bedeutet das, dass ich ein Gericht für 4 Personen kochen muss, um dann drei Portionen einzufrieren. Genauso Kartoffeln: eine Portion ist zu aufwendig, aber eingefrorene gekochte Kartoffeln schmecken nicht.

Was bleibt: 4 bis 5 Tage in der Woche wärme ich auf: TK-Schnitzel, TK-Fisch, TK-Gemüse, TK-Spinat, TK-Kroketten, TK-Pizza, TK-Flammkuchen, Spiegeleier, Nudeln, usw. – kurz gesagt Convenience Food, jedoch keine Komplett-Fertiggerichte, die einfach scheußlich schmecken. Die übrigen Tage gehe ich ins China- oder Thai-Restaurant. Es ist nicht toll, aber es ist (für mich) zumindest zeit- und kosteneffizient.

Ich bewundere die Leute, die täglich intelligent, zeitsparend, abwechslungsreich und gesund für sich allein kochen können. Kochbücher, selbst die für Singles, gehen in meinen Augen an der Realität vorbei oder setzen zu viel voraus oder verlangen zu viele verschiedene Rohprodukte. Selbst die Rezepte meiner Frau sind mir inzwischen zu komplex für eine Einzelperson.

Kommentare zu diesem Thema? Wie machen das andere Witwen oder Witwer? Vielleicht kann ich noch etwas lernen.

Eine kurze Reise

Seit dem Tod meiner lieben Frau vor über 1½ Jahren konnte ich mich nur schwer zu einer Reise aufraffen. Ich war 2 Tage in Amsterdam (Museumsbesuche), 3 Tage am Niederrhein auf einem Trauerseminar und eine Nacht in Hamburg (Musicalbesuch). Sonst immer zu Hause. Mehr war nicht möglich. Die Gründe waren vielschichtig.

Nun bin ich gestern von einer Kurzreise nach Nizza zurückgekehrt. Während der Reise war der Geburtstag meiner verstorbenen Frau. Es hatte sich terminlich so ergeben, vielleicht aber sollte es sich einfach so ergeben.

Warum Nizza? Warum die Côte d’Azur? Schon das ganze Jahr 2016 zog es mich dahin: an die Orte, an denen ich insgesamt sechs Mal mit meiner Frau Urlaub machte und wo wir beide so glücklich waren. Nun, Anfang Oktober 2016, war der Zeitpunkt gekommen: hier wurde es kalt, und in Nizza war noch der totale Sommer. Und an einem Tag war auch noch der Geburtstag von H.

Die Tage vor der Reise waren für mich voller Zweifel und Traurigkeit. Was soll diese Reise? Was will ich dort? Ohne sie macht das doch alles keinen Sinn! Und wie werde ich reagieren?

Schon der Flug Richtung Süden war wie selten schön: über den Wolken, über den Alpen, der Landeanflug über der Küste: Cannes, Antibes, Cagnes, Flughafen Nizza.

wolken

antibes

Ich fühlte mich dort oben über den Wolken und Bergen meiner Frau sehr, sehr nahe, viel näher als an ihrem Grab oder in ihrem Zimmer in der Wohnung. Und auf dem Rückflug erlebte ich das erneut.

An ihrem Geburtstag habe ich dann zwei Orte besucht: vormittags Èze, ein kleines Bergdorf zwischen Nizza und Monaco, das für uns der magische Ort der französischen Riviera war, und nachmittags Cannes, wo wir immer gewohnt hatten. Auch an diesen Orten war eine große Nähe zu meiner Frau zu spüren. Ich erwartete eigentlich eine große Traurigkeit, aber da war viel mehr Liebe und Dankbarkeit. In Cannes war ich schon ziemlich traurig, da viele Ecken dort mit enorm vielen Erinnerungen verbunden sind. Aber es war schön, diesen Ort zu besuchen und eine starke Nähe zu meiner Frau und zu den gemeinsamen Erinnerungen zu erleben.

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Diese Reise war sehr wichtig für mich. Richtig erklären kann ich das nicht: diese Reise war eine Art Drang, der sich nun „aufgelöst“ hat. Ich bin nach diesem Aufenthalt ruhiger geworden und spüre viel weniger Trauer. Ich habe Orte besucht, an denen ich meiner lieben Frau sehr nahe sein konnte. Und ich kann sie immer wieder besuchen. Ich weiß meine Frau an einem guten, sicheren Ort …

Sommer-Traurigkeit

Nachdem die letzte Woche kalt und regnerisch war, ist diese Woche wieder sonnig und angenehm. Die Luft ist noch nicht sommertypisch überhitzt, sondern leicht frisch. Das erinnert mich an die Urlaube an der französischen Riviera – zusammen mit meiner Frau. Da ist oft ein leichter Wind, der die Hitze erträglich macht. In diesen Tagen kommt zum schönen Wetter bei mir keine Freude mehr auf, sondern eine ständige, unterschwellige Traurigkeit. Oder sollte ich schreiben: Wehmut?

Diese Wehmut – der DUDEN definiert sie so: verhaltene Trauer, stiller Schmerz bei der Erinnerung an etwas Vergangenes, Unwiederbringliches – zieht sich oft durch den ganzen Tag. Morgens geht es schon los. WDR 2 – dieser Brei aus Staats-Erziehungsradio und fröhlichem Musikgedudel, gewürzt mit rückwärts fahrenden LKWs auf der für LKWs gesperrten Leverkusener Brücke, dämlicher Comedy und Statements von Terror- und Islam-Experten – geht mir spätestens nach 20, 30 Minuten auf den Geist. Philipp Dittberner singt fast jeden zweiten Morgen im Radio „da draußen da tobt doch alles weiter, auch wenn ich heute nicht mehr wär“, und gleich darauf „warum du dir wieder so fremd bist, in einer doch so hellen Zeit“ sowie „warum du den wieder vermisst, der dich sicher nicht befreit“. Heute kam dann noch Nelly Furtado mit „All good things come to an end“, dann habe ich ausgeschaltet.

Ich denke nach: Sollte ich zu Hause bleiben oder verreisen? Ich entscheide mich für das Zuhause-Bleiben, denn was sollte das Verreisen mir noch bringen? Anstrengungen und Unannehmlichkeiten wie volle Autobahnen, schlechtes Wetter, Geldausgaben, vielleicht Terroranschläge, wofür das alles? Die unbeschwerten und schönen Reisen habe ich alle schon gemacht. Ich kenne Amerika, Asien, Europa sehr gut, besonders die schönsten Ecken. Die weniger schönen Ecken muss ich mir nicht unbedingt ansehen. Und mit wem sollte ich über meine ggf. doch schönen Reiseerlebnisse reden? Es ist niemand da.

Sollte ich neue Kontakte knüpfen oder meinem Alleinsein frönen? Ich entscheide mich für das Alleinsein, da mir die meisten Menschen nach kurzer Zeit einfach zu anstrengend geworden sind. Allein zu sein ist zwar manchmal nicht einfach, aber allemal entspannter. Die Freiheit der völlig freien Entscheidung, was ich als nächstes tue oder lasse, ist einfach unbezahlbar.

Sollte ich meine Wohnung verändern oder alles so lassen? Momentan entscheide ich mich dafür, alles so zu lassen. Ich habe schon vieles entsorgt, aber ich sehe gern die Lieblings-Bilder und -Gegenstände meiner Frau in der Küche (oder in anderen Zimmern). Viele ihrer Bilder sind nicht unbedingt meine Lieblingsbilder, trotzdem geben sie mir ein sehr angenehmes Gefühl von Zuhause-Sein, von Heimat. Dies wird sich mit der Zeit verändern, aber es wird sich ergeben und dann werde ich Änderungen vornehmen. Jetzt nicht.

So fließt die Zeit dahin. Im ersten Trauerjahr las ich, dass das zweite Jahr schlimmer sei als das erste. Ich glaubte es nicht. Inzwischen weiß ich zumindest, dass das zweite Trauerjahr anders als das erste ist. Trotz aller Akzeptanz der Ereignisse bin ich immer wieder erstaunt, wieviel Traurigkeit und Wehmut noch in mir steckt. Ich lebe die Traurigkeit aus. Und ich war doch schon so oft ganz sicher, dass es nur noch nach oben gehen kann. Was für ein Trugschluss!

Wie singt doch Lana Del Rey: „I’ve got that summertime, summertime sadness …“ Viele denken, dass man überwiegend im November traurig ist. Was für ein Irrtum; ihr habt ja keine Ahnung!