Der Karren und der Hund

Stellen Sie sich einen Hund vor, der an einem fahrenden Karren angeleint ist. Die Leine ist lang genug, um dem Hund zwei Möglichkeiten zu bieten:

  1. Entweder kann der Hund problemlos der Richtung des Wagens folgen, über die er keine Kontrolle hat, und gleichzeitig die Fahrt genießen und die Umgebung erkunden.
  2. Oder er kann dem Karren mit aller Kraft hartnäckig widerstehen und wird ohnehin mitgeschleppt – für den Rest der Fahrt.

Genau wie bei diesem Hund gibt es viele Dinge in unserem Leben, die wir nicht kontrollieren können. Entweder nehmen wir die Situation an und versuchen, das Beste daraus zu machen, oder wir bekämpfen sie wie der bockige Hund.

Es ist unsere Wahl.

Nehmen wir uns also den Rat des Philosophen Epiktet (um 50 – 138 n. Chr.) zu Herzen:

Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.

Leicht gelesen – aber nicht leicht getan!

Dinge passieren, die sehr unglücklich scheinen, keine Frage.

Liebe Menschen sterben, eine Flut zerstört Ihr Zuhause, Sie verlieren Ihren Job oder bestehen Ihre Prüfungen nicht. Sie können diese Dinge nicht rückgängig machen. Sie können nur versuchen, sie mit einem edlen Geist zu akzeptieren und das Beste aus der gegebenen Situation zu machen.

Aber Achtung:
Akzeptanz hat überhaupt nichts mit Resignation zu tun.
Und Akzeptanz heißt auch nicht, dass wir es gutheißen.

Alles, was dir passiert, ist gut

Das Gasthaus

Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Traurigkeit, Gemeinheit, …
Auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
kommt unverhofft als Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen sind,
die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt,
selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht reinigt er Dich ja für ganz neue Wonnen.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu deiner Führung
geschickt worden aus einer anderen Welt.

Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207-1273, Sufi-Mystiker)

Um was es geht

    • Wir definieren Glück als das Fehlen von Leiden. Wir suchen Vergnügen und Zufriedenheit. Wir wollen unseren Spaß haben und versuchen, Enttäuschungen, Leiden und Ärger zu vermeiden. Doch das zu wollen ist unrealistisch: Leiden und die damit verbundenen Emotionen sind ebenso feste Bestandteile des Lebens wie positive Emotionen.
    • Ein Grund für unseren Wunsch, glücklich zu sein, ist, dass alle Menschen in unserer Umgebung so wirken, als ob sie glücklich wären.
      Schmerz ist aber eher die Regel als die Ausnahme. Trotzdem vermutet man eher das Gegenteil, wenn man die Dinge von außen betrachtet.
    • Das Leben wird attraktiver, wenn es uns gelingt, nicht mehr zu versuchen, unsere negativen Emotionen unter Kontrolle zu behalten – wenn wir das ständige Ringen mit dem, was in uns vor sich geht, endlich beenden.
    • Lebenskunst ist nichts anderes als die Fähigkeit, im Augenblick zu leben. Das bedeutet, für positive und negative Emotionen offen zu sein und beide zu akzeptieren. Ein Leben im Augenblick schließt Glück und Leid ein. Wenn wir negative Emotionen zu vermeiden versuchen, mindern wir unsere psychische Flexibilität.
    • Gefühle, die wir zu unterdrücken versuchen, äußern sich umso stärker. Es ist, als würde man versuchen, einen Ball unter Wasser zu drücken. Sie können noch so stark drücken, sobald Sie den Druck lösen, kommt der Ball wieder hoch. Tatsächlich drängt der Geist uns, Gefühle zu unterdrücken.
    • Der Verstand ist eine wunderbare Hilfe, wenn es um äußere Probleme und den Umgang mit ihnen geht; bei emotionalen Problemen jedoch ist er ein schlechter Berater.
    • Haben wir nicht alle Schwierigkeiten, mit der Traurigkeit anderer Menschen fertig zu werden? Wir suchen dann reflexartig nach einer schnellen Lösung oder stellen sondierende, analytische Fragen. Oder wir sagen: „Es wird alles wieder in Ordnung kommen“ und „Alles wird gut!“ Wie schwer ist es, nur da zu sein, zu unterstützen und der Trauer und Verzweiflung ein wenig Raum zu geben. Wenn Sie die Emotion eines anderen Menschen zulassen, kommen auch Ihre eigenen verborgenen Gefühle ans Licht.
    • Unser Verstand lässt uns sinnlose Fragen stellen, die den Schmerz noch verstärken.
      Kennen Sie die folgenden Fragen und Gedanken? – Warum empfinde ich das so? Warum passiert das ausgerechnet mir? Womit habe ich das verdient? Warum bin ich so? Ich will mich nicht so fühlen … –
      Alle aufgeführten Fragen lassen sich nicht beantworten. Und seien wir doch ehrlich: Fragen dieser Art geben uns auch Gelegenheit, uns selbst zu bemitleiden, uns als Opfer zu fühlen und nach Herzenslust zu lamentieren.
      Fragen wie diese zeigen, dass wir glauben, wir hätten einen Anspruch auf positive Emotionen und auf Glück, und dass wir es für normal halten, im Leben nicht von negativen Emotionen behelligt oder mit Unglücklichsein konfrontiert zu werden.
      Um glücklich zu sein, versuchen wir, negative Emotionen zu vermeiden oder zu unterdrücken. Doch je mehr Energie wir darauf verwenden, umso stärker werden eben diese negativen Aspekte unseres Lebens.
    • Akzeptieren ist die Bereitschaft zu fühlen, was Sie in diesem Augenblick fühlen, zu erleben, was Sie momentan erleben – auch wenn Ihr Verstand Ihnen raten mag, möglichst rasch davonzulaufen und das, was Sie erleben, zu unterdrücken oder zu zerstreuen. Es bedeutet, dass Sie bereit sind, Traurigkeit, Angst, Unsicherheit, Verlassenheit, Wut, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit, Minderwertigkeitsgefühle usw. zu spüren. Veränderung ist nur möglich, wenn Sie zunächst akzeptieren, was im Moment ist. Das mag paradox klingen, aber so liegen die Dinge nun einmal.
    • Akzeptieren ist nicht das gleiche wie Resignieren. Akzeptieren bedeutet nicht, dass Sie das Leben passiv so belassen sollen, wie es ist. Dann wären Sie das Opfer Ihrer Lebenssituation und was Sie tun, spielte nicht die geringste Rolle. Akzeptieren ist ein aktives, positives Annehmen des Lebens. Es ist eine Art, zum ganzen Leben Ja zu sagen. Die Kunst besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen einer akzeptierenden Haltung und Veränderung zu erreichen.

Quelle u.a.: “Im Augenblick leben” von Ernst Bohlmeijer und Monique Hulsbergen.

Widerstand zwecklos

Wer mein Blog intensiver liest, wird bemerkt haben, dass sich die psychologischen und philosophischen Themen hier immer wieder um folgendes drehen:

Diese Themen und Methoden sind ganz essentiell, um den Tod eines geliebten Menschen oder andere Katastrophen im Leben besser verarbeiten können.

Und wieder ist ein schönes Buch zu genau diesem Themenkomplex erschienen:

Andreas Knuf: Widerstand zwecklos –  Wie unser Leben leichter wird, wenn wir es annehmen, wie es ist / 192 Seiten, Kösel-Verlag, ISBN 978-3466347124

Empfehlenswert!

Über Akzeptanz, Annahme, Zulassen

Unzählige Menschen kämpfen mit Angst, Trauer oder anderen negativen Emotionen. Und irgendwann sagen viele: „Ich weiß – ich muss nur meine Angst, Trauer, usw. akzeptieren.“

Sie glauben, Akzeptanz bedeutet aufzugeben. Schließlich hören sie auf, sich zu ändern. Dies ist jedoch nicht das, was Akzeptanz von uns verlangt.

Akzeptanz ist stattdessen eine bewusste Wahl, sich zu öffnen und mit dem zu sein, was auch immer passiert, so wie es ist. Aber Sie können nicht akzeptieren, was Sie nicht kennen. Und Sie können nicht akzeptieren, was Sie ablehnen und dem Sie feindlich gegenüberstehen.

Etwas anzunehmen bedeutet also, Platz zu schaffen und es zuzulassen. Sie müssen auch bereit sein zu erkennen, was Sie unwohl macht. Achtsamer und präsenter zu sein, macht hier den großen Unterschied.

Wir können nicht entscheiden, was uns alles in den Sinn kommt und was wir fühlen. Wir können nur auswählen, worauf wir achten, wie wir darauf achten und was wir dann tun.

Ohne Freundlichkeit und Mitgefühl gibt es keinen gesunden Weg, um Angst, Trauer oder andere unangenehme emotionale Erlebnisse zuzulassen.

Stattdessen wird es sich anfühlen, als ob Sie eine tickende Zeitbombe in der Hand haben, die nur darauf wartet, dass sie explodiert, und Sie unternehmen nichts dagegen.

Aber Sie können Ihren Schmerz sanft und mit etwas Neugier und Mitgefühl betrachten. Dies kann den Schmerz in etwas verwandeln und entschärfen, das Sie tragen und ehren können und um vielleicht daraus zu lernen und zu wachsen.

Quelle: Forsyth/Eifert – Anxiety happens, Ch. 16: „Cultivating Allowing“, Übersetzung aus dem Englischen von mir.

Ein sehenswertes Video: „Why It’s Hard Being Human“ (in Englisch) des Autors John Forsyth:

Ein Leben in (innerem) Frieden

ACT (Akzeptanz- und Commitment-Therapie) – wieder einmal – auf den Punkt gebracht. Das Nachfolgende gilt nicht nur für Zeiten der Trauer, sondern für das ganze Leben mit all seinen großen und kleinen Katastrophen.

Es sind nur drei Schritte:

1. Stelle dich der schwierigen Situation. Du fühlst dich gestresst, eilig, überwältigt, frustriert? Oder fühlst du physische oder psychische Schmerzen? Anstatt zu versuchen, aus diesem Gefühl oder dieser Situation herauszutreten, wende dich dem Gefühl zu. Beachte genau, wie es sich anfühlt. Erlaube dir, es vollständig zu fühlen. Es geht nicht um die Geschichte über das, was vor sich geht, oder deine Geschichte über das Gefühl – diese Geschichten verursachen tatsächlich das Gefühl. Wende dich stattdessen auf die physische Empfindung des Gefühls selbst zu. Mit Neugier: Wie ist es? Welche Farbe, Temperatur, Energie, Textur hat es? Ändert es sich? Finde den Mut, diesem Gefühl voll und ganz zu begegnen und es vollständig zu erleben.

2. Öffnen und entspannen. Nach einem Moment (es kann ein oder zwei Minuten dauern, sich dem Gefühl zu stellen, aber oft nur ein paar Sekunden) erlaube dir, dich deiner gegenwärtigen Erfahrung zu öffnen. Beim Öffnen geht es darum, sich darin zu entspannen, das Herz zu öffnen, damit man der Erfahrung nicht verschlossen bleibt, sondern sie mit voller Zartheit und Zärtlichkeit fühlt, mit Sanftmut präsent ist und sogar Liebe für diesen Moment des Stresses findet. Möglicherweise sogar sich zu verlieben in diesen Moment, der auch das Unbehagen einschließt, aber nicht darauf beschränkt ist. Am Ende ist der Schlüssel die Entspannung und das Loslassen von allem, was man loslassen muss, um Frieden zu fühlen.

3. Mache den nächsten Schritt – in Ruhe. Finde in diesem Moment ein Gefühl von Frieden, und mache nun den nächsten Schritt. Mache das, was als nächstes zu tun ist: fange an, den Bericht oder die E-Mail zu schreiben, führe das Gespräch, mache weiter mit dem Projekt, erstelle eine Liste – aber tue es mit diesem Gefühl des Friedens. Es ist eine Verschiebung in der Art und Weise, wie wir normalerweise Dinge tun, was oft mit einem Gefühl von Spannung, des Hetzens oder einem Enge-Gefühl einhergeht. Tue es stattdessen mit einem entspannten Gefühl des Friedens und lächle über die Freude deines Tuns.

Quelle: Leo Babauta: A Life of Peacefulness (https://zenhabits.net/peacefulness/); Übersetzung ins Deutsche von mir. Lizenz: Gemeinfrei / Uncopyrighted (https://zenhabits.net/uncopyright/). Danke.

Zwischenbilanz nach 167 Wochen

167 Wochen, oder 38½ Monate, oder knapp 3¼ Jahre lebe ich nun allein, da meine liebe Frau mit 63 Jahren heimgerufen wurde.

Was für eine lange Zeit. Und doch fühlt sie sich so kurz an. Und in 2 Jahren bin vielleicht 70, wenn ich es denn erlebe.

Heute eine kleine Zwischenbilanz, die vielleicht negativer ausfällt als sie sollte, da ich momentan in einem Trauertal und einer gewissen Lebensstagnation feststecke.

Falls das hier jemand liest, der auch einen lieben Menschen verloren hat, könnte das manchem auch Angst bereiten; aber bitte immer dran denken: mein Schicksal ist nicht Ihr Schicksal, lieber Leser oder liebe Leserin.

Warum wieder ein Trauertal? Nach so langer Zeit?

Da genügt nicht viel: eine harmlose Erkrankung, die nicht weichen will – dann starb die Katze meiner Tochter vor ein paar Tagen – und selbst das schöne Wetter ohne einen geliebten Partner an all den Feier- und Brückentagen – all das treibt mich momentan in die Traurigkeit, in ein Trauertal.

Wenn alles früher besser war und heute schlechter, dann kommen die gefährlichen negativen Bewertungen im Kopf, selbst wenn es früher gar nicht alles wirklich besser war. Und aus den negativen Bewertungen kommen negative Gefühle, und die böse Spirale beginnt. Theoretisch ist es völlig klar, wie ungut so etwas ist. Und doch passiert es: ich bin traurig, unzufrieden, allein, fühle mich auf einem Trauer-Abstellgleis.

Stagnation macht sich breit, besonders auch deswegen, weil die Zeit rennt: gestern war noch Weihnachten, heute morgen ist Ostern vorbeigeflogen. Morgen ein wenig Sommer und Herbst, und übermorgen ist schon wieder Weihnachten. Jede Woche ist stramm durchorganisiert, und jede ist so langweilig wie die letzte.

Veränderungen wären wünschenswert, sind aber anstrengend. Manchmal habe ich einfach keine Kraft. Und keine Motivation. Dann überlege ich: was bringen mir solche Veränderungen? Die Antwort ist meist: Nichts, nur Mühe ohne Sinn. Dann kann ich es auch lassen.

Zum Beispiel: Verreisen. Warum soll ich noch groß verreisen, wenn man die Erlebnisse nur noch mit sich selbst teilen kann? Kein Partner da, mit dem man einen Sonnenuntergang oder einen Museumsbesuch teilen könnte. Allein ist es sinnlos, zumindest für mich.

Mir wird oft empfohlen, mich mit anderen Menschen zu verbinden, was immer das auch heißen mag. Aber das ist schwierig. Schwierig deshalb, weil ich mit der überwiegenden Mehrheit der „Anderen“ nichts anfangen kann und diese nichts mit mir. Zu speziell die Hobbies, zu speziell die Launen und Lebenserfahrungen. Auch fühle ich mich erheblich jünger als ich bin, eher Anfang 50 und nicht Ende 60. Aber für Leute Anfang 50 bin bzw. wirke ich zu alt.

Jemand schrieb folgendes – und dem kann ich voll zustimmen:

Warum ich lieber alleine bin …
Das Problem bin nicht ich.
Das Problem sind auch nicht die Anderen.
Das Problem ist die Differenz zwischen mir und den Anderen.

Eine einfache Lösung gibt es dafür nicht. Also warte ich auf den Zufall. Viel Zeit habe ich nicht, und die Wahrscheinlichkeit für eine Lebenswendung ist sehr gering.

Ich habe den schönen Teil meines Lebens bereits gelebt. Dafür bin ich besonders meiner verstorbenen Frau sehr dankbar.

Jetzt heißt es jeden Tag: „Weitermachen!“ und das Beste aus der Restlaufzeit machen. Das Leben – besonders das im Alter – ist nichts für Feiglinge.

Dein Leben geht weiter – bist du bereit?

Eine kleine Checkliste:

  • Nimm deine Umgebung wahr.
    Wertschätze sie.
    Verbinde dich mit ihr: Sieh, höre, fühle, berühre je 5 Dinge in deiner Umgebung.
  • Registriere deine Gedanken, aber lasse sie nur kommen und gehen.
    Folge ihnen nicht. Es sind lediglich Worte.
    Frage dich: Hilft mir dieser Gedanke, der Mensch zu sein, der ich sein möchte?
    Hilft mir dieser Gedanke, ein erfülltes und sinnvolles Leben zu führen?
  • Bemerke, wenn es dich zur Vergangenheit oder Zukunft zieht.
    Mache aber sonst nichts damit.
  • Bemerke, wie ein Drang zum Vermeiden aufkommt.
    Führe den Drang aber nicht aus, bemerke es nur.
    Folge weiter deinen Werten.
  • Kämpfe nicht gegen schmerzliche Gefühle.
    Beobachte sie, atme ruhig, schaffe Raum für sie, lasse sie zu.
    Schließe Frieden mit ihnen.
  • Mach etwas Neues.
    Vielleicht etwas Spielerisches.

Die Situation ist, wie sie ist

Was ist der wirkliche Grund des Nicht-Glücklichseins im Menschen? Ist der Grund die Situation, oder ist der Grund, wie die Gedanken eine Situation beurteilen? In 95 Prozent aller Situationen bringt nicht die Situation das Unglücklichsein hervor, sondern die Geschichte, die man sich über die Situation im Kopf erzählt. Man fühlt dann die Reflexion dieser Gedanken als Emotionen im Körper, und man glaubt, das sei die Situation. Wenn man das erkennt, dann trennt sich plötzlich der Gedankenfluss von der Situation – die Situation ist, wie sie ist. Das ganze Drama im Kopf hat nur ein Ziel, nämlich das Selbstgefühl, das sich aus Gedanken bezieht, diese Fiktion des Selbst, das sogenannte „Ego“, zu stärken: durch ständiges Beklagen, durch ständiges Verneinen, durch ständiges Nicht-Wollen. Das ist ein unbewusster Prozess – der Mensch macht sich also selbst unglücklich, vollkommen unbewusst. 95 Prozent allen Leidens sind überflüssig.

Eckhart Tolle in einem Vortrag

Gefühle und Bedürfnisse

Gefühle sind die Sprache unserer Bedürfnisse. Vielen ist dieser Zusammenhang oft nicht bewusst.

Einige Beispiele:

Trauer ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Verbundenheit.
Angst ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Sicherheit.
Ärger ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Kooperation.
Wut ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Anerkennung.

Für die Gesundheit sind die achtsame Wahrnehmung der negativen Gefühle und die Erfüllung der dahinter liegenden unerfüllten Bedürfnisse sehr wichtig.

Das Vermeidungs- und Abwehrverhalten gegenüber Gefühlen erzeugt Stress und Anspannung und auf lange Sicht psychosomatische Störungen.

Was unangenehme Gefühle am meisten nährt, ist Widerstand.
Je mehr Gefühle abgelehnt werden, desto hartnäckiger bleiben sie.

Die vollständige Akzeptanz der unangenehmen Gefühle entzieht ihnen die Macht und bewahrt vor negativen Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit.

Ewigkeitssonntag 3

Heute ist der dritte Ewigkeitssonntag, an dem ich meiner verstorbenen Frau gedenke. Ja, ich finde Trost im Glauben. Ja, ich bin sehr dankbar für die gemeinsame Zeit mit meiner Frau. Ja, ich habe die Realität akzeptiert. Aber ich vermisse meine Frau oft schmerzlich. Auch heute im Gottesdienst überkam mich wieder die Traurigkeit.

Langsam wird mir klar: die Trauer reduziert sich, aber enorm langsam, und sie wird nie ganz verschwinden.

In der Mathematik nennt man das eine horizontale Asymptote. Erst nach unendlich langer Zeit wird die Trauer zu null.

Ich lerne, und ich werde weiterhin lernen müssen, damit zu leben. Manche Leute in meiner Umgebung empfehlen mir eine neue Partnerin. Aber das ist zu einfach gedacht, denn „eine Neue“ wird meine Trauer nicht verändern, höchstens verdrängen.

Ich bin gespannt, was ich in einem Jahr unter dem Titel „Ewigkeitssonntag 4“ schreiben werde.

Nur eines ist für mich inzwischen sicher: meine Trauer bleibt und das ist vielleicht auch gut so.

Raus aus der Komfortzone

Es gab noch einen weiteren Grund, diese Reise nach Asien zu den Verwandten meiner Frau zu machen.

Ich wollte mich wieder spüren. Ich wollte das Leben wieder spüren – nach all der Trauer und dem vermeintlichen sicheren und bequemen „Alltagstrott“-Leben, das eigentlich kein Leben ist – nur Routine. Ich wollte mein Leben wieder aktiv steuern, in eine Richtung gemäß meinen eigenen Werten.

Dazu musste ich raus aus meiner Komfortzone. Es braucht Mut. Aber nur außerhalb meiner Komfortzone beginnt das eigentliche Leben. Die Muskeln schmerzen. Das Klima ist oft zu heiß oder zu kalt. Die Toiletten sind manchmal unzumutbar. Aber auch viel Schönes und Unerwartetes kommt auf einen zu: lächelnde Menschen, Hilfsbereitschaft, leckeres Essen, Schönheit in Natur und Kunst, …

Es war gut, das wieder zu spüren und zu erleben. Für mich war es ein wichtiger Schritt in meiner Trauerbewältigung. Ich kann das aushalten: das Alleinsein, die Traurigkeit, die Einsamkeit, die Müdigkeit, die Beschwernisse.

Alles ist in Ordnung, so, wie es gerade kommt. Das ist das Leben.

Quelle der Abbildung: http://stylishtravelgirl.com/quotes/

Irrationale Vorstellungen

Der amerikanische Psychologe Albert Ellis entwickelte die „Rational-Emotive Verhaltenstherapie“ (REVT).

Ziel ist es, irrationale Vorstellungen und Bewertungen zu erkennen und nachhaltig zu verändern, denn eine Vielzahl von Störungen im psychischen und psychosomatischen Bereich haben ihre Ursache in irrationalen Überzeugungen.


Albert Ellis (1913-2007)

Nachfolgend die wichtigsten irrationalen Ideen und deren rationalen Alternativen.

Erkennen Sie sich in einigen dieser Vorstellungen wieder?


Irrationale Idee Nr. 1
(absolutistische Forderung nach Anerkennung und Liebe)
Ich muss von jedermann – zumindest von jeder Person, die mir etwas bedeutet – nahezu immer geliebt, geschätzt oder anerkannt werden; wenn dies nicht der Fall ist, so wäre das schrecklich.

Beispiele:
„Ich habe Angst, ihn darum zu bitten.“ (denn er könnte ablehnen und das hieße: mich ablehnen)
„Ich kann mich nicht durchsetzen.“ (weil ich Ablehnung nicht ertrage)
„Ich kann mich doch nicht lächerlich machen.“ (denn das wäre schrecklich)
„Ich hasse es, in Unfrieden zu leben.“

Rationale Alternative Nr. 1
Es ist wünschenswert, von anderen Menschen geschätzt zu werden. Ich bin jedoch nicht auf die Wertschätzung anderer Personen unbedingt angewiesen. Ich kann mich selbst achten und akzeptieren.


Irrationale Idee Nr. 2
(absolutistische Forderung nach Perfektionismus, Erfolg)
Ich bin ein Mensch ohne Wert, wenn ich mich nicht in allem – oder zumindest auf einem wichtigen Gebiet – überaus kompetent, tüchtig oder erfolgreich erweise.

Beispiele:
„Was bin ich doch für ein Trottel!“
„Ich muß stolz auf mich sein können.“

Rationale Alternative Nr. 2
Ich bin ein Mensch mit Fehlern und kann mich als solcher akzeptieren, auch wenn ich mich so verhalte wie ich es nicht mag. Ich konzentriere mich auf die angenehmen Seiten meiner Aktivitäten anstatt alles immer unter dem Gesichtspunkt des Erfolges, der Belohnung oder des Lobes zu sehen.


Irrationale Idee Nr. 3
(absolutistische Forderung nach fairem/gutem Verhalten anderer Leute)
Wenn andere Menschen unfair oder schlecht handeln, sollte man sie streng zurechtweisen und bestrafen, denn sie sind böse und verdorbene Menschen.

Beispiele:
„So kann er doch nicht mit mir umspringen.“
„Dieses Schwein!“
„Das zahl ich dir heim!“
„Mit so einem Kerl würde ich kein Wort mehr sprechen.“

Rationale Alternative Nr. 3
Weil Menschen fehlbare Wesen sind, können sie unfair und schlecht handeln. Sie tun dies häufig aus Unwissenheit oder auf Grund psychischer Störungen. Statt sie zu bestrafen, helfe ich ihnen besser, in Zukunft anders zu handeln.


Irrationale Idee Nr. 4
(absolutistische Forderung nach einem perfekten angenehmen Leben)
Es ist schrecklich und eine Katastrophe, wenn die Dinge nicht so sind, wie ich sie gerne hätte.

Beispiele:
„Ohne meine Frau hätte mein Leben keinen Sinn.“
„Nichts macht mir mehr Spaß.“
„Das halte ich nicht aus.“
„Die Welt ist zum Kotzen.“
„Mein Gott, wenn das so weiter geht…“

Rationale Alternative Nr. 4
Es ist wirklich bedauerlich, wenn die Dinge so sind, wie wir es nicht mögen und es ist ratsam, die verantwortlichen Bedingungen zu ändern. Wenn eine Änderung aber nicht möglich ist, so ist es besser, dies zu akzeptieren.


Irrationale Idee Nr. 5
(übertriebene Sorge)
Ich muss mir große Sorgen machen oder mich sehr ängstigen angesichts von Ereignissen, die möglicherweise gefährlich sein können.

Beispiele:
„Ich muss dauernd daran denken, dass…“
„Oh mein Gott, wenn mir … passiert.“

Rationale Alternative Nr. 5
Das Leben besteht zu großen Teilen aus Risiko. Ich kann nicht alles kontrollieren. Besser den Gefahren ins Gesicht schauen und sie ruhig bekämpfen, als sich ständig zu beunruhigen.


Irrationale Idee Nr. 6
(geringe Frustrationstoleranz)
Es ist leichter, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, als sich ihnen zu stellen. Ich muß mich immer wohl fühlen und darf keinerlei Schmerz ertragen müssen.

Beispiele:
„Das ist mir zu unangenehm.“
„Das schaff ich einfach nicht.“
„Dann hab ich ja gar nichts mehr vom Leben.“
„Ach ich bleibe lieber zuhause.“

Rationale Alternative Nr. 6
Der sogenannte leichte Weg ist oft der schwerere. Unannehmlichkeiten kann man ertragen, auch wenn man sie niemals mögen wird.


Irrationale Idee Nr. 7
(absolutistische Forderung nach einer schönen Welt)
Die Welt sollte fair und gerecht sein.

Beispiele:
„Das habe ich nicht verdient.“
„Das ist ja unglaublich, nein!“
„Wie kannst du nur so mit mir umspringen!.“
„Das ist eine bodenlose Gemeinheit!“

Rationale Alternative Nr. 7
Die Welt ist so, wie sie sein muss. Ich kann sie zu verändern trachten, aber es gibt keinen Grund, warum sie anders sein sollte.


Siehe auch:
Negatives Denken – woran man es erkennt
ABC der Gefühle – wie Gedanken und Gefühle zusammenhängen

Stell Dir vor, dein Leben ist ein Omnibus

Stell dir vor, dein Leben ist ein Omnibus.

Du sitzt am Steuer, hinter dir deine Fahrgäste: alle deine Erinnerungen, Gedanken, Gefühle, Lebensregeln. Sie sind irgendwann eingestiegen in deinen Bus und fahren jetzt mit.

Manche dieser Fahrgäste magst du richtig gerne. Da gibt es aber auch welche, die du nicht leiden kannst, rohe, schmuddelige Typen, die schlecht riechen, sich nicht benehmen können und randalieren.

Manche sind nicht nur unangenehm, sie machen dir Angst, machen dich traurig, machen dich wütend. Sie drohen damit, aufzustehen und nach vorne zu kommen, wenn du nicht tust, was sie wollen.

Natürlich kannst du versuchen, sie rauszuwerfen. Aber sie werden nicht gehen.

Und so lange du dich bemühst, sie in Schach zu halten, kannst du nicht weiterfahren. Dein Omnibus steht.

Der Kampfmodus bringt dich anscheinend nicht mehr vorwärts. Mit Akzeptanz könntest du weiterfahren. Wofür entscheidest du dich?

Quelle: M. Waadt / www.michael-waadt.de (etwas von mir modifiziert)

Warum kann ich nicht …?

Dein lieber Partner ist gestorben. Du leidest. Du gehst auf der Straße, siehst die anderen Leute und fragst dich: „Warum kann ich nicht so glücklich sein wie diese Leute? Sie leiden nicht, wie ich leide. Warum kann ich nicht so sein wie die?“

Die Wahrheit ist: Allen geht es wie dir, und du bist wie sie. ALLE Menschen, die lange genug leben, haben gefühlt oder werden noch fühlen, wie schlimm es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.

Wir neigen dazu, glückliche Gesichter aufzusetzen, und vorzugeben, dass alles OK sei.

Aber das ist es nicht.

Mensch-Sein heißt Schmerz fühlen, und zwar tiefgreifender, als es andere Geschöpfe auf diesem Planeten empfinden können.

Warum ist das so?

Denke an einen Sonnenuntergang. Er ist wunderschön. Schöne Dinge teilt man gern mit anderen. Mit deinem verstorbenen Partner kannst du einen wunderschönen Sonnenuntergang nicht mehr teilen. Und plötzlich fühlst du dich traurig, und das in einem Augenblick, in dem du etwas Schönes siehst.

Ein Tier hat ein derartiges Problem nicht. Bei einem Menschen kann nur das Wort Sonnenuntergang bereits ein Auslöser für Traurigkeit sein.

Und derartige Möglichkeiten psychischen Schmerzes sind mannigfaltig – eine schwere Bürde des Menschseins, das Tiere nicht haben.

Was machen also die Menschen in ihrer Verzweiflung? Sie machen es wie bei jeder Problemlösung, also so:

  • Wenn du nicht mehr nass werden willst, dann denkst du dir was aus, um nicht nass zu werden. Einen Regenschirm zum Beispiel.
  • Wenn du nicht mehr traurig sein willst, dann denkst du dir was aus, um nicht mehr traurig zu werden. Also betreibst du Trauervermeidung durch Kontrolle, bzw. durch Verdrängung: Arbeit, Essen, Rauchen, Saufen, Internet, TV, neue Beziehung, Sex, Drogen, Selbstverletzung. Die Liste ist endlos.

Aber Kontrolle funktioniert nicht bei Trauer, Angst, Wut, … – nur Achtsamkeit („Gedanken sind nur Gedanken“) und Akzeptanz der Gefühle und Körperempfindungen.

Der Unterschied zwischen Leid und Leiden

Was ist Leid?

Alle Probleme in unserem Leben, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, kann man unter dem Begriff Leid zusammenfassen.

Zum Beispiel:

  • Ein Teller fällt zu Boden und zerbricht.
  • Der Urlaub ist verregnet.
  • Das Auto steht im Stau.
  • Während einer Wanderung gibt es einen Wolkenbruch.
  • Der Ausgang der Bundestagswahl entspricht nicht meinen Erwartungen.
  • Der Zug hat drei Stunden Verspätung, und das Flugzeug fliegt ohne mich ab.
  • Ich werde krank.
  • Mein Partner stirbt.

Alles sind Fakten.
Da gibt es nichts herumzudeuteln.
Wir müssen damit irgendwie weiterleben.
Wie? Akzeptieren. Das ist alles.

Was ist Leiden?

Leiden ist die gedankliche, gefühlsmäßige und körperliche Reaktion auf das Leid.

Zum Beispiel:

  • Ein Teller fällt zu Boden und zerbricht → ich bin verärgert.
  • Der Urlaub ist verregnet → ich lamentiere.
  • Das Auto steht im Stau → ich bin wütend.
  • Während einer Wanderung gibt es einen Wolkenbruch → ich werde komplett nass.
  • Der Ausgang der Bundestagswahl entspricht nicht meinen Erwartungen → ich rege mich auf.
  • Der Zug hat drei Stunden Verspätung, und das Flugzeug fliegt ohne mich ab → ich bin am Boden zerstört.
  • Ich werde krank → ich habe Angst um meine Zukunft.
  • Mein Partner stirbt → ich trauere, ich grübele, ich habe psychosomatische Beschwerden, und vieles mehr.

Die Fakten (das Leid) kann ich nicht ändern. Ich habe auf alle diese Dinge (Schwerkraft, Wetter, Verkehrslage, Wahlausgang, Krankheit, Tod, usw.) keinen Einfluss. Ich muss die Fakten einfach nur akzeptieren.

Auf die Reaktionen zu den Fakten, auf das persönliche Leiden, habe ich jedoch sehr wohl einen Einfluss.

Fast alle Reaktionen kommen aus meinem antrainierten Ego, das mir ohne Unterlass Erwartungen, Bewertungen und andere schädliche Impulse einflüstert: ich will … ich will nicht … ich muss … ich mag … ich mag nicht … ich finde … ich denke … ich meine … das darf nicht … wieso … warum nur …

Durch Achtsamkeit kann ich diese Erwartungen, Bewertungen und Impulse erkennen und wahrnehmen. Schon allein durch dieses Erkennen und Wahrnehmen wird das Ego reduziert und so auch mein Leiden gemindert, denn die Reaktionen auf das Leid werden dann Ergebnis einer bewussten Entscheidung in größerer Klarheit.