Den Tod überleben

Nachdem ich lange Zeit keine Trauerliteratur mehr gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen einen neu erschienenen „Begleiter in Zeiten der Trauer“ (Untertitel) mit dem Titel „Den Tod überleben“ gelesen.

Der Autor dieses sehr schön ausgestatteten Lesebuches – jeder Text umfasst zwei Seiten, und das Buch muss nicht linear von vorn nach hinten gelesen werden – ist Dr. Peter Kottlorz, Senderbeauftragter der Katholischen Kirche am Südwestrundfunk.

Die Texte in ihrer Vielfaltigkeit haben mir wirklich gut gefallen. Es ist kein Ratgeberbuch, sondern ein Buch, das Hoffnung machen soll, das Halt geben soll, das tröstet. Der Tod wird oft heute aus dem Leben verdrängt, und er gehört trotzdem zum Leben. Dies wird in vielerlei Facetten und Geschichten beleuchtet.

160 Seiten, 18 Euro, Hardcover, mit Lesezeichen-Bändchen, Farbdruck, Patmos Verlag.

Negativ: Der Preis ist ziemlich hoch für ein so dünnes Büchlein. Und der Artikel namens „Europa macht sich schuldig“ mit der Kritik an Frontex hat m. E. in einem Trauerbegleiter nichts verloren.

Trotzdem: Empfehlenswert.

Buchtipp: „Ich lerne wieder neu zu leben“

Das Buch „Ich lerne wieder neu zu leben – Begleitung in der Krise“ von Jochen Jülicher hat mich in der letzten Zeit sehr beschäftigt.

Es ist kein Trauerbegleiter in Buchform, sondern geht eher auf die Zeit des Übergangs nach einer Lebenskrise, wie z. B. nach dem Verlust einer geliebten Person, ein.

Kein Buch, das man durchliest und weglegt.

Jedes der Kapitel dieses Buches geht auf einen bestimmten Zeitabschnitt, eine bestimmte Phase, ein:

  1. Es hat mich getroffen
  2. In mir die Sintflut
  3. Schritt für Schritt, Tag für Tag, Stunde um Stunde
  4. Ich hatte noch so viel vor
  5. Gähnende Leere
  6. Halt finden
  7. Stimme in der Wüste
  8. Ich kann leben!
  9. Meinen Weg gehen

Der Autor zeigt in diesem Buch viel Verständnis und viele Einsichten in die psychischen Vorgänge eines von einer Krise betroffenen Menschen. Jedes Kapitel endet mit einem kleinen Übungsteil unter dem Titel: „Zur Unterstützung“.

Das Wichtigste: Man fühlt sich an die Hand genommen durch die Lektüre des Buches. Ein wahrer Schatz!

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Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Jochen Jülicher: Ich lerne wieder neu zu leben – Begleitung in der Krise, Taschenbuch, 120 Seiten, Echter Verlag, Würzburg, 2000, ISBN-10: 3429022487, ISBN-13: 9783429022488

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Auch dies geht vorbei

Eine kleine Geschichte:

Der neue Häftling im Gefängnis war voller Angst und sehr deprimiert. Die steinernen Wände seiner Zelle saugten jegliche Wärme auf. Die harten Eisengitter höhnten dem Mitgefühl, der Klang aufeinander prallenden Stahls ließ erahnen, hinter wie vielen Toren die Hoffnung weggeschlossen wurde. Das Herz des Gefangenen war schwer, denn er hatte viele Jahre abzusitzen. Am Kopfende seines Lagers entdeckte er folgende Worte in die Wand geritzt: AUCH DIES GEHT VORBEI.

Dieser Satz half ihm durch diese schwierige Zeit, genau, wie er wahrscheinlich dem Häftling vor ihm Mut gegeben hatte. Ganz gleich, wie schlimm es wurde. Er sah dann auf die Inschrift und dachte daran: »Auch dies geht vorbei.« Am Tag seiner Entlassung erkannte er die tiefe Wahrheit hinter diesen Worten. Er hatte seine Strafe abgesessen. Auch die Zeit im Gefängnis war tatsächlich vorbeigegangen.

Als er wieder ins normale Leben zurückkehrte, dachte er oft an diese Botschaft. Er schrieb sie auf Fetzen Papier, die er an seinem Bett, in seinem Auto und auf der Arbeit deponierte. Sogar in ganz schlechten Zeiten erfasste ihn nie wieder eine Depression. Er entsann sich in scheinbar aussichtslosen Lagen immer der Worte: »Auch dies geht vorbei« und kämpfte sich durch. Die schlechten Zeiten schienen nie sehr lang zu dauern. Wenn gute Zeiten anbrachen, genoss er sie, aber nie allzu sorglos. Er entsann sich der Worte: »Auch dies geht vorbei« und arbeitete hart an seinem Leben, ohne auch nur das Geringste als selbstverständlich hinzunehmen. Die guten Zeiten schienen immer ungewöhnlich lange anzudauern.

Dann wurde bei ihm Krebs diagnostiziert. »Auch dies geht vorbei« gab ihm Hoffnung. Hoffnung gab ihm Kraft und die positive Einstellung, die Krankheit zu besiegen. Eines Tages bestätigte der Facharzt, dass »der Krebs vorbei gegangen war«.

Am Ende seines Lebens flüsterte er seinen Liebsten zu: »Auch dies geht vorbei«, und er fand einen ruhigen Tod. Seine Worte waren der letzte Liebesdienst für Familie und Freunde. Sie hatten von ihm gelernt: »Auch die Trauer geht vorbei.«

„Auch dies geht vorbei“ – dieser kleine Satz sorgt dafür, dass wir eine der großen Ursachen von Depressionen meiden und die guten Zeiten nicht zu selbstverständlich hinnehmen.

— Aus dem Buch „Die Kuh, die weinte“ von Ajahn Brahm, S. 103-104.
Ursprünglich eine Sufi-Geschichte aus „The Way of the Sufi“ von Idries Shah.

 

Nur heute

Man mag über die Bücher von Dale Carnegie denken was man will — das Tagesprogramm mit dem Titel „Nur heute“ aus seinem 1948 erschienenen Buch „Sorge dich nicht – lebe!“ ist zeitlos gültig — auch und ganz besonders für Witwen und Witwer.

NUR HEUTE

  1. Heute will ich glücklich sein. Deshalb glaube ich, was Abraham Lincoln sagte: Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie sein wollen. Glück kommt von innen, es hat mit äußeren Umständen nichts zu tun.
  2. Heute nehme ich alles, wie es ist, und zwinge den Dingen nicht meinen Willen auf. Ich nehme alles, wie es kommt, und stelle mich darauf ein.
  3. Heute kümmere ich mich um meinen Körper. Ich bewege ihn, pflege ihn, ernähre ihn und vernachlässige oder missbrauche ihn nicht, damit er so perfekt reagiert, wie ich es mir wünsche.
  4. Heute trainiere ich meinen Geist. Ich lerne etwas Nützliches und faulenze nicht, sondern lese etwas, das Anstrengung, Konzentration und Denkarbeit verlangt.
  5. Heute mache ich drei Seelenübungen: Ich erweise jemand einen Gefallen, ohne dass er es merkt, und tue zwei Dinge, die ich nicht gern tue, um in Übung zu bleiben.
  6. Heute möchte ich erfreulich sein. Ich mache mich so hübsch wie möglich, ziehe mich nett an, spreche leise, bin höflich, lobe oft, kritisiere niemand, nörgle nicht und versuche nicht, andere zu ermahnen oder zu verbessern.
  7. Heute lebe ich allein für diesen Tag und versuche nicht, alle Probleme meines Lebens auf einmal zu lösen.
  8. Heute mache ich mir ein Programm. Ich teile die Zeit genau ein und schreibe es mir auf. Vielleicht halte ich die Einteilung nicht durch, aber immerhin habe ich sie gemacht. Damit vermeide ich zwei lästige Übel: Eile und Unentschlossenheit.
  9. Heute nehme ich mir eine ruhige halbe Stunde und entspanne mich. In dieser halben Stunde denke ich auch an Gott, um in mein Leben eine größere Dimension zu bringen.
  10. Heute bin ich ohne Angst, vor allem habe ich keine Angst davor, glücklich zu sein, das Schöne zu genießen.

Der Dialog der Zwillinge im Mutterleib

Zitiert aus: „In einem anderen Licht – Von der Kunst des Lebens und Sterbens“ von Henri J. M. Nouwen, Freiburg: Herder Spektrum, Band 6306, Neuausgabe 2011, ISBN: 978-3-451-06306-0, Seite 60-62.

[…] Ich möchte mit einer kleinen Geschichte abschließen, die mir unlängst ein Freund erzählt hat. Sie handelt von Zwillingen, Bruder und Schwester, die sich vor ihrer Geburt im Schoß ihrer Mutter unterhalten.

Die Schwester sagte zu ihrem Bruder: „Ich glaube an ein Leben nach der Geburt!“ Ihr Bruder erhob lebhaft Einspruch: „Nein, nein, das hier ist alles. Hier ist es schön dunkel und warm, und wir brauchen uns lediglich an die Nabelschnur zu halten, die uns ernährt.“

Aber das Mädchen gab nicht nach: „Es muß doch mehr als diesen dunklen Ort geben; es muß anderswo etwas geben, wo Licht ist und wo man sich frei bewegen kann.“ Aber sie konnte ihren Zwillingsbruder immer noch nicht überzeugen. Dann, nach längerem Schweigen, sagte sie zögernd: „Ich muß noch etwas sagen, aber ich fürchte, du wirst auch das nicht glauben: Ich glaube nämlich, daß wir eine Mutter haben!“

Jetzt wurde ihr kleiner Bruder wütend: „Eine Mutter, eine Mutter!“, schrie er. „Was für ein Zeug redest du denn daher? Ich habe noch nie eine Mutter gesehen, und du auch nicht. Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt? Ich habe es dir doch schon gesagt: Dieser Ort ist alles, was es gibt! Warum willst du immer noch mehr? Hier ist es doch alles in allem gar nicht so übel. Wir haben alles, was wir brauchen. Seien wir also damit zufrieden.“

Die kleine Schwester war von dieser Antwort ihres Bruders ziemlich erschlagen und wagte eine Zeitlang nichts mehr zu sagen. Aber sie konnte ihre Gedanken nicht einfach abschalten, und weil sonst niemand da war, mit dem sie hätte darüber sprechen können, sagte sie schließlich doch wieder: „Spürst du nicht ab und zu diesen Druck? Das ist doch immer wieder ganz unangenehm. Manchmal tut es richtig weh.“

„Ja“, gab er zur Antwort, „aber was soll das schon heißen?“ Seine Schwester darauf: „Weißt du, ich glaube, daß dieses Wehtun dazu da ist, um uns auf einen anderen Ort vorzubereiten, wo es viel schöner ist als hier und wo wir unsere Mutter von Angesicht zu Angesicht sehen werden. Wird das nicht ganz aufregend sein?“

Ihr kleiner Bruder gab ihr keine Antwort mehr. Er hatte endgültig genug vom dummen Geschwätz seiner Schwester und dachte, am besten sei es, einfach nicht mehr auf sie zu achten und zu hoffen, sie würde ihn in Ruhe lassen.

Diese kleine Geschichte kann uns vielleicht helfen, den Tod mit neuen Augen zu sehen. […]

hieronymus_boschHieronymus Bosch:
Visionen des Jenseits: Der Aufstieg der Gesegneten, 1505–1515

Die beiden folgenden Bücher über Nahtoderfahrungen haben mir sehr gut gefallen – eine sehr tröstliche Lektüre:

Ist da oben jemand?

… fragt Bärbel Schäfer (bekannt aus der Talkshow (1995-2002, RTL) gleichen Namens, verheiratet seit 2004 mit Michel Friedman) in ihrem vor kurzem erschienenen Buch.

Link: Bärbel Schäfer: Ist da oben jemand?

Sie schreibt über den Verlust ihres Bruders und die Zeit danach.

Verlagszitat:

Sie erzählt in ihrem Buch von ihrer Suche nach Sinn. Sie gibt tiefe Einblicke in ihr Seelenleben, in ihre Wut, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung. Offen beschreibt sie ihre Skepsis und ihr Hadern im Umgang mit Gott und den Religionen der Welt. Wird der Glaube für sie eine Option sein?

Ich habe das Buch gestern und heute durchgelesen, da meine Situation eine ähnliche war und ist.

Es lässt mich aber doch ziemlich ratlos zurück.

Einerseits ist es eine für mich sehr nachvollziehbare Beschreibung einer verzweifelten Frau, die gerade ihren Bruder verloren hat.

Auf die Fragen „Ist da oben jemand?“ bzw. „Wird der Glaube für sie eine Option sein?“ gibt es am Schluss allerdings nur dieses zu lesen:

Ich war mit Juden, Muslimen, Katholiken, Evangelen, Buddhisten und Zeugen Jehovas an ihren Glaubensstätten. Feiertage und Feste gemeinsam mitgenommen. Ich habe das Gespräch mit dem Pastor, Imam, Rabbiner, Mönch und Pfarrer gesucht.

Und etwas später dann diese Quintessenz:

Gott habe ich auf dieser Reise nicht gefunden. Er ist mir weder ans Herz gewachsen noch erschienen. Ich mochte Momente. Ich mochte Stimmungen in Synagogen, Tempeln, Kirchen und Moscheen. Ich mochte nicht, wenn an diesen Orten Prediger den Menschen erzählten, dass nur in ihrer Religion die Wahrheit steckt.

Ich bin mir etwas unsicher, ob ich dieses Buch empfehlen soll.

Die zentrale Frage nach Gott wird nicht beantwortet.

Frau Schäfer beschreibt im Buch eine befreundete Jüdin und eine befreundete Muslima, die beide fest in ihrem Glauben stehen. Frau Schäfer kann aber deren Glauben nicht für sich nachvollziehen.

Frau Schäfer konvertierte zum Judentum, scheint diesen aber nicht intensiv zu leben. Ganz klar wird das alles nicht.

Letztendlich empfinde ich das ganze Buch als eine „Mogelpackung“, denn auf die Titelfrage „Ist da oben jemand?“ wird am Schluss einfach nur mit „nein“ geantwortet. Das ist mir zu wenig. „Eine Anregung zur eigenen Auseinandersetzung mit dem Glauben“ (Verlagszitat) sieht für mich anders aus.

Buchtipps

In den letzten Monaten habe ich eine Menge Trauerliteratur gelesen, und ich kann die folgenden Bücher sehr empfehlen.

Ich empfehle, sich die Bücher in einer gut sortierten Buchhandlung vor einem Kauf gut anzusehen, ob sie die persönliche Situation und den persönlichen Geschmack treffen.

Jedes Buch – jedes auf seine eigene, spezielle Art und Weise – hat mir gute Impulse in meiner Trauerbewältigung gegeben.

Die Liste der Buchtipps finden Sie ab sofort → hier !