Veränderungen

Meine Tochter und ihre Familie haben sich entschieden, für einige Jahre und „open end“ in die Heimat ihrer Mutter bzw. meiner Frau auszuwandern. Mein Schwiegersohn hatte dort ein attraktives Stellenangebot gefunden, und er wurde akzeptiert. Inzwischen sind meine Tochter, mein Schwiegersohn und meine Enkelin in ihre neue Wahlheimat geflogen. Sie müssen ihren Lebensweg selbst finden – da habe ich nichts hineinzureden.

Aber ihr Weggang und ihre große räumliche Distanz schmerzen mich schon, auch in Zeiten von Messenger, WhatsApp & Co. Ich muss damit irgendwie klarkommen. Einfach wird das nicht.

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191 Wochen …

… ist es nun her, dass meine liebe Frau nicht mehr ist.

115,51 Millionen Sekunden habe ich allein weitergelebt, irgendwie. Das Bett neben mir war leer in den letzten 1337 Nächten. Keine Frau mehr in meinem Leben. Immer allein, manchmal einsam.

Und so wird es weitergehen. Auch mich wird das Schicksal des Todes ereilen, nur wann – das weiß nur Gott. Manchmal habe ich Angst, dass mich in der leeren Wohnung der Tod trifft. Oder mit vielen Schmerzen in einer der Verwahranstalten für Todkranke oder Alte, die es so gibt. Der Tod und die Zeit der Gebrechen davor wird gut versteckt in unserer Gesellschaft der „ewigen Jugend“. Es ist gut, dass man den Termin nicht weiß. Momentan bin ich krank, und ich weiß nicht warum. Ist es harmlos, oder nicht? Keine Ahnung. Jede Diagnose könnte eine sehr schlimme sein …

Aber es eigentlich auch egal. Ich bin dankbar für dieses Leben, besonders bin ich dankbar für die schönen Jahre zusammen mit meiner lieben Frau. Jeder Tag kann der letzte sein, deshalb versuche ich jeden Tag ein wenig wertzuschätzen.

Das Wichtigste ist Akzeptanz. Fühlen, akzeptieren, loslassen. Jede Anhaftung bedeutet nur Schmerz.

175 Wochen

Was sind 175 Wochen? Fast 30.000 Stunden. 1.225 Tage. Über 40 Monate.

Die meisten sagen sicher: „Eine lange Zeit.“.

Und wenn es um die Trauer geht, sagen die meisten sicher: „Du trauerst immer noch – kann es damit nicht nun endlich genug sein?“.

Ja, manchmal zieht sich die Trauer zurück. Und sie ist weniger geworden.

Aber verschwunden? — Nein.

Genug Trauer? — Wenn es so einfach wäre.

Die Trauer kommt einfach – an einem trüben Tag, oder an einem herrlichen Sommertag.

Was soll man machen? Irgendwie weiterleben.

Aber manchmal bin ich müde. Müde wegen meines inzwischen zumeist banalen Lebens.

Du fehlst mir.
Ich vermisse dich.
Ich liebe dich.

Allein sein

Eines ist klar: eine Frau wie meine verstorbene Frau werde ich nie mehr finden.

Meine Frau hatte immer ein jugendliches Aussehen – mit 50 sah sie aus wie 30. Sie war immer sehr schlank und drahtig, sportlich, nie ein Gramm Fett zu viel, BMI immer um die 18. Zudem war sie intelligent, sprach als eine Frau aus Asien nahezu fehlerfreies und flüssiges Deutsch, war sehr belesen, sah gern anspruchsvolle Filme. Sie folgte immer ihren Werten: Bildung, Naturliebe, Familiensinn, usw., und ein Gräuel waren ihr Materialismus und Kaufrausch.

Und dabei war sie eine (asiatische) Schönheit; eine Traum-Frau – ich übertreibe nicht. Immer wenn ich in Asien war, habe ich schnell gemerkt, dass auch dort wenige Frauen so attraktiv wie meine Frau waren. Und im Vergleich zu europäischen Frauen sowieso …

Ich bin kein Narr. In den letzten Jahren habe ich viele Frauen in meinem Alter gesehen. Sie interessieren mich einfach nicht. Ich bin außerdem fast 68. Ich kenne meine Grenzen und werde mich nicht in Dating-Portalen selbst zum Affen degradieren. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ich bin in Bezug auf Frauen anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich allein mein Leben weiterführe, ist deshalb sehr, sehr nahe bei 100 Prozent.

Das ist aber nicht schlimm, denn nach meiner mehrjährigen Trauerzeit mit vielen Gefühlen der Einsamkeit beginne ich mein Alleinsein immer positiver zu sehen und zu genießen.

Das Alleinsein hat ja so viele Vorteile: ich kann mich so verhalten und benehmen, wie ich mag, ohne Rücksicht zu nehmen oder Angst zu haben, was jemand anderes denken könnte, ich kann meinen eigenen Rhythmus finden und leben, ich kann in Ruhe über mich, mein Leben und meine Ziele nachdenken, ohne Einflüsse und ohne Druck von außen, …

Nachts besucht mich meine verstorbene Frau ab und zu in meinen Träumen. Tagsüber genieße ich mein Leben, allein und frei.

Diese Freiheit ist einfach unbezahlbar…

Eine „Neue“ – die Lösung aller Probleme?

Vor einiger Zeit habe ich mal wieder gute Rat-Schläge bekommen. Es ging um meine aktuelle Lebensgestaltung, meine psychosomatischen Störungen, meine Traurigkeit, mein Alleinsein und was man dagegen tun könnte. Und dass mein jetziger Lebensstil ohne viele menschliche Kontakte und Bindungen einfach nicht gesund wäre. Ganz nach den Aussagen dieses Buches oder dieser Webseite:

Einsamkeit – die unerkannte Krankheit: schmerzhaft, ansteckend, tödlich.

Isolation und Einsamkeit sind ein immer höher werdendes Gesundheitsrisiko. Höher noch als Übergewicht.

Der schlichte Rat-Schlag war dann: „Such‘ dir ’ne Neue!“

Aber es geht nicht. So einfach ist es nicht. Nicht, dass ich zu dämlich oder zu knauserig wäre, mich über ElitePartner, Parship oder ein ähnliches Portal der reiferen Damenwelt anzubieten. Und damit alle Probleme zu lösen.

Meine Seele, mein Gefühl, sagt mir, dass das momentan kein Weg für mich ist. Und dass es nach mehr als drei Jahren zu früh ist. Wirklich zu früh. Und dass eine neue Beziehung, wenn überhaupt, höchstens zufällig passieren sollte und nicht gesteuert.

Eine Frau behauptete vor kurzem in einem Verwitweten-Forum dieses:

Männern fällt es meistens leichter als uns Frauen, sich auf eine neue Partnerschaft einzulassen …

Stimmt für mich schon mal nicht.

Ich bin wirklich einsam ohne dich

Dieser (vielleicht etwas banale) chinesische Pop-Song spricht mir momentan besonders aus der Seele. Aus zwei Gründen: Meine Frau war Chinesin. Und ihr Todestag jährt sich in ein paar Tagen zum dritten Mal. Mein Leben ist nicht mehr wie es mal war, und es wird nie mehr so sein. Das Leben ist endlich; das Glück ist endlich. Zurück bleiben nur schöne Erinnerungen und Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre.

游走在街头一个人孤单
(yóuzǒu zài jiētóu yīgèrén gūdān)
allein durch die Straßen gehen …

所有的快乐都和我无关
(suǒyǒu de kuàilè dōu hé wǒ wúguān)
diese ganze Fröhlichkeit hat nichts mit mir zu tun …

没有你陪伴我真的好孤单
(méiyǒu nǐ péibàn wǒ zhēn de hǎo gūdān)
ich bin wirklich einsam ohne dich …

我的心好慌乱被恐惧填满
(wǒ de xīn hǎo huāngluàn bèi kǒngjù tián mǎn)
mein Herz ist konfus und voller Angst …

没有你在身边真的好不习惯
(méiyǒu nǐ zài shēnbiān zhēn de hǎo bù xíguàn)
dich nicht neben mir zu haben, bin ich wirklich nicht gewohnt …

Sängerin: 梦然 (Meng-Ran oder Mira), geb. 1989 in Ulanhot, Innere Mongolei

Songtitel: 没有你陪伴真的好孤单 (Méiyǒu nǐ péibàn wǒ zhēn de hǎo gūdān) / Ich bin wirklich einsam ohne dich

Youtube-Video, gesungen von 梦然 (Meng-Ran oder Mira)

Weiteres Youtube-Video, gesungen von einem Mann (冷漠 / Leng Mo oder MoMo)

15 Kippen am Tag, …

… obwohl ich nicht rauche. Aber ich bin allein und oft einsam.

„Das Gefühl allein zu sein und niemanden zu haben ist nachweislich schlechter für die Gesundheit als das Rauchen von 15 Zigaretten pro Tag.“

— Mark Robinson, Chef von Age UK, zitiert in diesem Artikel

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Foto von Huy Phan auf Unsplash.

Siehe dazu auch diese Artikel:

So ist es – nach 150 Wochen

Heute vor genau 150 Wochen bist Du gestorben.

Was für eine lange Zeit! Und doch irgendwie kurz, da die Zeit so schnell vergangen ist. Manchmal bringe ich bereits Dein Todesjahr durcheinander: war es 2014, 2015 oder 2016? Aber nahezu jede Woche erinnere ich mich an den Freitagabend, als – völlig unerwartet – die Schwester der Palliativstation anrief und mir mitteilte, dass Du diese Welt verlassen hast…

Heute Nacht träumte ich von Dir – irgendwelche Alltagssituationen, als sei nichts gewesen: keine Krankheit, kein Tod, keine Trauer… Solche Träume hinterlassen immer ein schönes Gefühl.

Ich beginne mich mit dem Alleinsein anzufreunden. Die Einsamkeit und die Traurigkeit besuchen mich manchmal. Aber zunehmend seltener.

Einige Hobbies mache ich inzwischen wieder mit Freude und Befriedigung. Andere, wie z.B. das Verreisen, machen mir allein keinen Spaß mehr. Ich bin neugierig, ob sich das irgendwann noch ändert.

In zweieinhalb Jahren bin ich bereits 70, und da mache ich mir keine Illusionen oder falschen Hoffnungen. Nach meinem Gefühl bin ich zwar eher 55, aber der Spiegel zeigt mir was anderes. Auf alle Fälle werde ich deshalb nicht in Torschlusspanik verfallen. Ich muss keine Bucket-List (Liste mit Dingen, die man noch nie gemacht hat, aber in seinem weiteren Leben gerne noch machen würde) abarbeiten.

Du hast mir mehr als 25 tolle, gemeinsame Jahre geschenkt, und dafür bin ich Dir sehr dankbar.

Mehr Fragen als Antworten

… Wenn der Himmel ohne Farben ist
Schaust du nach oben und manchmal fragst du dich
Ist da jemand, der mein Herz versteht?
Und der mit mir bis ans Ende geht?
Ist da jemand, der noch an mich glaubt?
Ist da jemand? Ist da jemand?
Der mir den Schatten von der Seele nimmt?
Und mich sicher nach Hause bringt?
Ist da jemand, der mich wirklich braucht?
Ist da jemand? Ist da jemand? …


Künstler: Adel Tawil
Song: Ist da jemand
Album: So schön anders