Allein sein

Eines ist klar: eine Frau wie meine verstorbene Frau werde ich nie mehr finden.

Meine Frau hatte immer ein jugendliches Aussehen – mit 50 sah sie aus wie 30. Sie war immer sehr schlank und drahtig, sportlich, nie ein Gramm Fett zu viel, BMI immer um die 18. Zudem war sie intelligent, sprach als eine Frau aus Asien nahezu fehlerfreies und flüssiges Deutsch, war sehr belesen, sah gern anspruchsvolle Filme. Sie folgte immer ihren Werten: Bildung, Naturliebe, Familiensinn, usw., und ein Gräuel waren ihr Materialismus und Kaufrausch.

Und dabei war sie eine (asiatische) Schönheit; eine Traum-Frau – ich übertreibe nicht. Immer wenn ich in Asien war, habe ich schnell gemerkt, dass auch dort wenige Frauen so attraktiv wie meine Frau waren. Und im Vergleich zu europäischen Frauen sowieso …

Ich bin kein Narr. In den letzten Jahren habe ich viele Frauen in meinem Alter gesehen. Sie interessieren mich einfach nicht. Ich bin außerdem fast 68. Ich kenne meine Grenzen und werde mich nicht in Dating-Portalen selbst zum Affen degradieren. Nein. Ganz bestimmt nicht. Ich bin in Bezug auf Frauen anspruchsvoll, sehr anspruchsvoll. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich allein mein Leben weiterführe, ist deshalb sehr, sehr nahe bei 100 Prozent.

Das ist aber nicht schlimm, denn nach meiner mehrjährigen Trauerzeit mit vielen Gefühlen der Einsamkeit beginne ich mein Alleinsein immer positiver zu sehen und zu genießen.

Das Alleinsein hat ja so viele Vorteile: ich kann mich so verhalten und benehmen, wie ich mag, ohne Rücksicht zu nehmen oder Angst zu haben, was jemand anderes denken könnte, ich kann meinen eigenen Rhythmus finden und leben, ich kann in Ruhe über mich, mein Leben und meine Ziele nachdenken, ohne Einflüsse und ohne Druck von außen, …

Nachts besucht mich meine verstorbene Frau ab und zu in meinen Träumen. Tagsüber genieße ich mein Leben, allein und frei.

Diese Freiheit ist einfach unbezahlbar…

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Eigentlich …

… habe ich mir oft gewünscht, so zu leben, wie ich momentan lebe:

Völlige Freiheit. Ich kann tun und lassen, was ich will. Viel tun oder nichts tun.

Musik hören, die ich mag. Essen und trinken, was ich mag. Geld verschwenden, nur für mich.

Lange schlafen. Völlig ohne Sorgen, versorgt. Reisen oder zu Hause bleiben.

Bücher lesen, Filme schauen, oder den ganzen Tag aus dem Fenster schauen.

Eigentlich …

So ist es nun: ich lebe allein. Frauen interessieren mich nicht. Eine neue Beziehung ist für mich einfach undenkbar. Meine verstorbene Frau war einzigartig – keine, wirklich keine Frau im Universum kann an sie heranreichen. So ist es nun einmal. Keine Kompromisse.

Ja, ich bin allein und fast alles ist nun möglich — aber es macht mich nicht sonderlich glücklich.

Darum habe ich heute den Start gewagt und fange testweise ein Ehrenamt bei der nahen Diakonie an. Anderen Menschen ein wenig helfen und meinem Leben wenigstens ein Quäntchen Sinn geben. Ansonsten widme ich mich meinen zahlreichen Hobbies.