Alles, was dir passiert, ist gut

Das Gasthaus

Dieses menschliche Dasein ist ein Gasthaus.
Jeden Morgen ein neuer Gast.
Freude, Traurigkeit, Gemeinheit, …
Auch ein kurzer Moment von Achtsamkeit
kommt unverhofft als Besucher.

Begrüße und bewirte sie alle!
Selbst wenn es eine Schar von Sorgen sind,
die gewaltsam dein Haus seiner Möbel entledigt,
selbst dann behandle jeden Gast ehrenvoll.
Vielleicht reinigt er Dich ja für ganz neue Wonnen.

Dem dunklen Gedanken, der Scham, der Bosheit –
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.

Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu deiner Führung
geschickt worden aus einer anderen Welt.

Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī (1207-1273, Sufi-Mystiker)

Die Lichtung

Übersetzung:

Versuche nicht, die ganze Welt zu retten
oder sonst etwas Großartiges zu vollbringen.
Stattdessen erschaffe eine Lichtung
im dichten Wald deines Lebens
und warte dort geduldig,
bis das Lied, das dein Leben ist,
in deine geöffneten Hände fällt,
und du es erkennst und begrüßt.
Nur dann wirst du wissen,
wie du dich dieser Welt, die es so wert ist,
gerettet zu werden, schenken kannst.

— Martha Postlewaite

Ein (christliches) Gedicht zum Jahreswechsel

Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.

Da alles, was der Mensch beginnt,
vor seinen Augen noch zerrinnt,
sei du selbst der Vollender.
Die Jahre, die du uns geschenkt,
wenn deine Güte uns nicht lenkt,
veralten wie Gewänder.

Wer ist hier, der vor dir besteht?
Der Mensch, sein Tag, sein Werk vergeht:
Nur du allein wirst bleiben.
Nur Gottes Jahr währt für und für,
drum kehre jeden Tag zu dir,
weil wir im Winde treiben.

Der Mensch ahnt nichts von seiner Frist.
Du aber bleibest, der du bist,
in Jahren ohne Ende.
Wir fahren hin durch deinen Zorn,
und doch strömt deiner Gnade Born
in unsre leeren Hände.

Und diese Gaben, Herr, allein
lass Wert und Maß der Tage sein,
die wir in Schuld verbringen.
Nach ihnen sei die Zeit gezählt;
was wir versäumt, was wir verfehlt,
darf nicht mehr vor dich dringen.

Der du allein der Ewge heißt
und Anfang, Ziel und Mitte weißt
im Fluge unsrer Zeiten:
bleib du uns gnädig zugewandt
und führe uns an deiner Hand,
damit wir sicher schreiten.

Jochen Klepper (1903-1942)

Das Gedicht wurde mehrfach vertont und wurde
als Lied 64 in das evangelische Gesangbuch
und als Lied 257 in das Gotteslob aufgenommen.

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Danke für dein Leben

Es ist schön, dass es dich gab,
und gerne hätte ich dich noch bei mir behalten.
Es gibt halt Menschen, die sterben einfach zu früh,
selbst wenn sie hundert Jahre alt würden. –
Auch dann würde ich dich noch vermissen.

Ich schaue zurück auf dein Leben,
sehe dich hier, sehe dich da, ganz lebendig.
Eigentlich ist es unvorstellbar,
dass dies vorbei ist,
dass wir nicht mehr gemeinsam
nach vorne schauen können,
dass aus all unseren Plänen,
Gedanken und Wünschen
jetzt einfach nichts mehr wird.

Vielleicht besteht ein Großteil des Lebenssinns
einfach nur darin,
das Leben zu leben, so wie es ist,
sich in Freude zu freuen,
in Trauer zu trauern und Kummer zu tragen,
doch in all dem den Funken zu wahren,
der einen im Innern am Leben erhält,
nie den Respekt vor dem Leben verlieren,
das Schicksal anzunehmen, wie es kommt.
Es war gut, dass es dich gab,
ein Leben ohne dich hätte ich mir gar nicht
vorstellen können und wollen.
Und auch wenn es jetzt schwer ist, so ohne dich zu leben,
werde ich gerne zurückdenken an dich, an uns,
mit all dem, was wir füreinander waren
und sind
und bleiben werden,
solange ich lebe.

— aus dem Buch „Solange ihr mich liebt“
(Texte und Gedichte zum Abschied)
von Jochen Jülicher
(Quelle)

Zum Weihnachtsfest

Allen Lesern dieses Blogs wünsche ich gesegnete Weihnachten.
Mögen Sie sich in Liebe und Dankbarkeit der Weihnachtsfeste erinnern, die Sie mit ihrem verstorbenen Angehörigen verleben durften.

* * * * *

weihnacht

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins weite Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

— Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Einen Weg gibt es

weg

Es gibt einen Weg,
den keiner geht,
wenn Du ihn nicht gehst.

Wege entstehen,
indem wir sie gehen.
Die vielen zugewachsenen, wartenden Wege,
von ungelebtem Leben überwuchert.

Es gibt einen Weg,
den keiner geht,
wenn Du ihn nicht gehst;
es gibt Deinen Weg,
ein Weg, der entsteht,
wenn Du ihn gehst.

Werner Sprenger:
„Todesgedichte zum Auswendigleben“
(1995)

 

Tröstliche Eichendorff-Gedichte

640px-Joseph_Freiherr_von_Eichendorff_(1841)


Trennung ist wohl Tod zu nennen,
Denn wer weiß, wohin wir gehn,
Tod ist nur ein kurzes Trennen
Auf ein baldig‘ Wiedersehn.


Mondnacht

Es war, als hätt’ der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt‘.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis’ die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.


Vorbei

Das ist der alte Baum nicht mehr,
Der damals hier gestanden,
Auf dem ich gesessen im Blütenmeer
Über den sonnigen Landen.

Das ist der Wald nicht mehr, der sacht
Vom Berge rauschte nieder,
Wenn ich vom Liebchen ritt bei Nacht,
Das Herz voll neuer Lieder.

Das ist nicht mehr das tiefe Tal
Mit den grasenden Rehen,
In das wir Nachts vieltausendmal
Zusammen hinausgesehen. —

Es ist der Baum noch, Tal und Wald,
Die Welt ist jung geblieben,
Du aber wurdest seitdem alt,
Vorbei ist das schöne Lieben.


Der Umkehrende

Es wandelt was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem was uns lieb.

Was gäb‘ es doch auf Erden,
Wer hielt den Jammer aus,
Wer möchte geboren werden,
Hieltst Du nicht droben haus!

Du bist’s, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Daß wir den Himmel schauen —
Darum so klag‘ ich nicht.


Da fuhr’ ich still im Wagen,
du bist so weit von mir,
wohin er mich mag tragen,
ich bleibe doch bei dir.


Abbildung „Joseph Freiherr von Eichendorff (1841)“ von „Wikipedia: Foto H.-P. Haack“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Aufräumen, Geduld

Die Kleidung meiner Frau ist nicht mehr da. Ihre Bücher sind zum großen Teil geordnet, zum kleinen Teil verschenkt oder entsorgt. Ihre Unterlagen habe ich geordnet und abgeheftet.

Nun werde ich noch ein „Schatzkästchen“ mit Fotos, Gegenständen, Liebesbriefen meiner lieben Frau zusammenstellen, damit unsere Tochter, unsere Enkelin und ich uns an sie erinnern können.

Die folgenden Zeilen – aus einem Brief von Rilke formuliert – passen genau auf meine momentane Situation.

Ich muss Geduld haben. Irgendetwas wird sich für mein weiteres Leben entwickeln.

Man muss den Dingen
die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und dann gebären …

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke
in einem Brief „an einen jungen Dichter“
Franz Xaver Kappus (1903)

Im Nebel

nebel

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Hermann Hesse (1877-1962)

Das ernste Lachen

Wir müssen den Becher trinken,
den das Leben uns reicht –
auch wenn er voll Leid ist.

Wir müssen den Weg gehen,
den das Leben uns weist –
wenn er auch weit ist.

Wir wollen das Schöne bewahren
und über das Heilige wachen –

Wir wollen in den dunklen Jahren
durch unser Weinen lachen!

Wolfgang Borchert
aus „Ich seh in einen Spiegel“ / Frühe Gedichte
„Das Gesamtwerk“ © Rowohlt Verlag

Meine Liebe wird mich überdauern …

Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst –
Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?

Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.

Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!

Joachim Ringelnatz

Nur nach nebenan verschwunden

Der Tod bedeutet gar nichts.
Ich bin nur nach nebenan verschwunden.
Ich bin ich, und du bist du.
Was immer wir füreinander waren, das sind wir noch.
Nenne mich bei dem alten vertrauten Namen.
Sprich von mir, wie du es immer getan hast.
Ändere nicht deinen Tonfall.
Zwinge dich nicht zu aufgesetzter Feierlichkeit oder Traurigkeit.
Lache weiterhin über die kleinen Scherze, an denen wir gemeinsam Spaß hatten.
Spiele, lächle, denke an mich, bete für mich.
Lass meinen Namen weiterhin so geläufig sein, wie er immer war.
Sprich ihn unbekümmert aus, ohne die Spur eines Schattens.
Das Leben bedeutet all das, was es bisher bedeutete.
Es ist genauso wie immer.
Es geht uneingeschränkt und ununterbrochen weiter.
Ist der Tod nicht nur ein unbedeutender Zwischenfall?
Warum sollte ich vergessen sein, nur weil du mich nicht mehr siehst?
Ich warte einstweilen auf dich, ganz in der Nähe, nur um die Ecke.
Alles ist gut.

— Henry Scott Holland