Risikofaktoren

Eben in der Tagesschau:

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Mein Frau hatte nicht geraucht, hatte keinen Alkohol getrunken, war jeden Tag mindestens eine Stunde in Bewegung (und außerdem Gymnastik), und hatte sich sicherlich nicht „falsch“ ernährt (z. B. aß sie viel Tofu und trank viel grünen Tee).

Sie war auch nicht übergewichtig und hatte keine Vorerkrankungen. Sie war in den 25 Jahren unserer gemeinsamen Ehe so gut wie nie krank.

Trotzdem war sie mit 63 Jahren tot: Adenokarzinom in der Lunge.

Der heute publizierte  Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016 (PDF) sagt dazu auf Seite 32:

Bei beiden Geschlechtern hat der Anteil der Adenokarzinome deutlich zugenommen. Die Ursachen dieser auch in anderen Ländern zu beobachtenden Entwicklung sind noch unklar.

Auf Seite 189 stehen einige Kernaussagen zum Lungenkrebsrisiko:

Nach Rauchen stellt die natürliche Radonexposition ein wesentliches Risiko für Lungenkrebs in der Bevölkerung dar.

Feinstaub ist ein weiterer Risikofaktor für Lungenkrebs sowie andere Lungenerkrankungen. Von allen Luftschadstoffen ist Dieselruß der wichtigste Risikofaktor. Präventiv werden Gesetze und Normen zur Regulierung und Minderung von Feinstaubbelastungen vorgegeben: Euronorm für Neuwagen, Einsatz von Rußfiltern, Bundesimmissionsschutzgesetz.

Aber erst seit 1. Januar 2007 werden Dieselfahrzeuge ohne Rußpartikelfilter steuerlich belastet. Förderprogramme zur Nachrüstung gibt es erst seit 2012. Und dann wurde in den letzten Jahren auch noch softwaremäßig getrickst (Dieselgate).

Alles zu Lasten unserer Gesundheit. Die Autolobby lässt grüßen …

Und die wahren Gründe für den frühen Tod meiner Frau werden natürlich nie zu Tage treten.

Ein Rückblick (2)

Ich hatte bereits über die Krankheitsgeschichte meiner im März 2015 verstorbenen Frau hier und hier berichtet.

Heute will ich noch einige Zeilen über das letzte Jahr von März 2014 (Diagnose) bis März 2015 (Tod) schreiben.

Der März 2014 war für meine Frau und mich ein sehr schlimmer Monat. Die Diagnose „Lungenkrebs“ mit den Beiworten „inoperabel“ und „todkrank“ hatte uns mit voller Wucht getroffen.

Die Besuche in der onkologischen Ambulanz und in der Strahlentherapie erfolgten nun mehrmals in der Woche. Das waren Situationen, die uns oft überforderten. Vieles war neu. Eine neue Welt tat sich uns auf, die Schattenwelt der vielen Krebskranken, in die sich Gesunde selten verlaufen. Es war bedrückend.

Die Schmerzen aufgrund der Knochenmetastasen wurden immer schlimmer, und meine Frau benötigte Morphium. Bis sie richtig eingestellt war und die Nebenwirkungen (Verstopfung) in den Griff bekam, vergingen Wochen.

Die Strahlentherapie hatte auch enorme Nebenwirkungen, und meine Frau hatte ständig Angst, dass die geschwächten Wirbelknochen kaputt gehen und sie eine Lähmung bekommt. Dazu die Angst vor möglichen Gehirnmetastasen.

Meine Frau bekam nach der Krebs-Diagnose Benzodiazepine zur Beruhigung und zum Durchschlafen. Auch ich konnte diese Zeit nur dank des Tranquilizers Alprazolam durchstehen. Das ist ein Teufelszeug, stoppt zwar die Angst, macht aber gerade dadurch sehr schnell abhängig. Aber ich konnte es schnell reduzieren und absetzen. Mirtazapin hat mir nachts zum notwendigen Schlaf verholfen.

Aufgrund einer positiven Mutationsanalyse konnte meine Frau dann das neue Medikament Giotrif/Afanitib bekommen. Allerdings war die Klinik ziemlich unerfahren und wir wechselten zum großen Tumorzentrum in Essen, das etwas weiter entfernt war. Dort wurde meine Frau sehr gut versorgt. Der sehr freundliche und verständnisvolle Arzt dort war für meine Frau ein Geschenk des Himmels; er kannte Giotrif sehr gut, da er die Zulassung und Studien dieses Medikaments begleitet hatte. Außerdem gab es dort keine Probleme mit den Verordnungen, alles wurde immer sofort verordnet, egal wie teuer, ohne Gejammere wegen Krankenkassen-Budgets.

Die Strahlentherapie war erfolgreich und dank Giotrif/Afanitib schrumpften die Tumore/Metastasen. Die Nebenwirkungen des Giotrif waren beherrschbar (Durchfall, Nagelbett- und Hautprobleme). Das Morphium wurde abgesetzt; Schmerzmittel konnten reduziert werden.

Von Juni bis Dezember 2014 konnte meine Frau recht gut mit dem Krebs leben; wir machten eine Reihe von Ausflügen und Reisen. Diese Reisen waren für meine Frau enorm wichtig, sie konnte die Schönheit der Natur noch einmal genießen und ihren Abschied von schönen Dingen des Lebens nehmen. Wir feierten ihren letzten Geburtstag, und wir haben viel gelacht.

Nach Weihnachten 2014 begannen bei meiner Frau plötzlich Leberschmerzen. Am 1. Januar 2015 erhielt sie die schlechte Nachricht, dass das Giotrif nicht mehr wirkt und die Tumore wieder gewachsen waren. Sie erhielt Cortison gegen die Leberschmerzen.

Mitte Januar 2015 wurde eine Leberpunktion vorgenommen, um eine erneute Mutationsanalyse vornehmen zu können. Aufgrund des Ergebnisses sollte sie an einer Arzneimittelstudie teilnehmen. Dies kam für meine Frau zu spät.

Denn Anfang Februar 2015 bekam sie Luftnot und Husten.

Am Aschermittwoch („ist alles vorbei“) musste ich sie ins Krankenhaus bringen. Der Grund für die Luftnot und den Husten war ein Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lungenfell und Rippenfell), ausgelöst durch den Lungentumor. Dazu kam eine Lungenentzündung.

Gut drei Wochen später, Anfang März 2015, ist meine Frau auf der Palliativstation des behandelnden Krankenhauses verstorben.

Ein Rückblick (1)

Ich denke oft zurück, gerade jetzt „zwischen den Jahren“.

Manchmal bin ich sehr traurig über den Leidensweg meiner Frau, den sie so tapfer erduldet hat. Den Tod kann ich leichter, ja vielleicht fast dankbar, akzeptieren, da er das Ende ihres Leidensweges darstellte.

Meine Frau hat das bestimmt anders gesehen, denn sie war oft sehr verzweifelt darüber, dass sie unser Enkelkind nicht weiter begleiten konnte.

Rückblick …

Vor einem Jahr (Ende 2014) begannen bei meiner Frau die Leberschmerzen aufgrund ihrer Lebermetastasen. Am 1. Januar 2015 erhielt sie die schlechte Nachricht, dass das Krebsmedikament (Giotrif/Afanitib) nicht mehr wirkt und die Tumore wieder gewachsen waren. Sie erhielt Cortison gegen die Schmerzen. Zwei Monate später war sie tot.

Rückblick weiter zurück …

Vor zwei Jahren (Ende 2013) hatte meine Frau schon lange unerklärliche Nacken-/Schulterschmerzen.

Wenn ich daran denke: Wie lange hatte es allein gedauert, bis ihre Nacken-/Schulterschmerzen als Knochenmetastasen diagnostiziert wurden!

Und wie verzweifelt meine Frau war – wegen dieser Schmerzen!

Zuerst (im Sommer 2013) war es ein HWS-Bandscheibenvorfall. Im MRT war ein Schatten in einem Wirbelkörper zu sehen. Im Bericht der Radiologie stand: „… hypointenses Areal in HWK 3, ggf. ergänzendes CT zur genaueren Beurteilung der Knochenstruktur empfohlen …“. Der behandelnde Arzt sagte auf unsere Frage, ob das ein Problem darstellt und ob weitere Aktionen erforderlich sind: „Keine weitere Aktionen erforderlich“.

Die Schmerzen wurden stärker. Der Orthopäde entdeckte nichts. Im Januar 2014 entdeckte auch der Professor in der orthopädischen Spezialklinik die Metastasen nicht. Stattdessen war der Bandscheibenvorfall „verschwunden“. Gegen die Schmerzen sollte Akupunktur es richten.

Nur durch Zufall wurden in der Klinik Tumormarker-Blutwerte ermittelt. Die waren erhöht.

Erst aufgrund der erhöhten Tumormarker-Werte erfolgte im März 2014 eine komplette Untersuchung meiner Frau mit dem Ergebnis: Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs im UICC-Stadium IV mit Metastasen in der HWS/BWS und in der Leber.

Inoperabel. — Genau ein Jahr nach dieser Diagnose war meine Frau tot.

Übrigens hatte ein Lungenfacharzt bereits Anfang 2013 einen Schatten auf der Lunge festgestellt, jedoch diesen als unbedeutend hingestellt.

Meine Frau nannte diesen Lungenfacharzt immer ihren „Gevatter Tod“, der letztlich eine rechtzeitige Behandlung bzw. Operation verhindert und ihren Tod befördert hatte.

Wenn ich an seiner Praxis vorbeigehe, werde ich noch heute wütend.

Was haben Jürgen Becker und Didi Jünemann mit meiner Trauer zu tun?

Jeden Freitag um zehn vor elf treffen sich Jürgen Becker und Didi Jünemann auf WDR 2 zur Frühstückspause: „Herr Jünemann, Frühstückspause!“ – „Ja, Herr Becker, ich komme!“

Meine Frau und ich fuhren im letzten Jahr unzählige Male zur onkologischen Ambulanz nach Essen.

Meistens fuhren wir am Freitag um 10 Uhr los, gegen 10 Uhr 45 habe ich meine Frau dann vor dem Krebszentrum in Essen abgesetzt, und ich bin in das Parkhaus der Uni-Klinik gefahren. Da war es dann meist zehn vor elf und es lief im Radio: „Herr Jünemann, Frühstückspause!“ – „Ja, Herr Becker, ich komme!“. Unzählige Male habe ich zugehört und auch oft über Sketche gelacht, obwohl meine Frau todkrank war.

Ja, unzählige Male war das so.

Und heute – wenn es wieder freitags zehn vor elf ist und ich diese Comedy höre – dann kann ich nicht mehr darüber lachen. Ich denke sofort an die Krebsbehandlung meiner Frau, das Leiden meiner Frau, die vielen Fahrten, die Unmenge an Medikamenten, … und dass dies jetzt alles vorbei ist.

Meine Frau hat endgültig diese Welt verlassen. Sie lebt nur weiter in meiner Erinnerung und meiner Liebe.

Beginn dieses Blogs

Seit vier Monaten ist meine Frau tot. Seit fünf Monaten lebe ich allein; das Bett neben meinem ist leer. Ich habe in letzter Zeit immer mehr das Bedürfnis, über verschiedene Aspekte meines Lebens als Witwer zu schreiben. Heute beginne ich.

Witwer ist ein seltsames Wort, eigentlich ziemlich veraltet. Manchmal habe ich das Gefühl, es existieren nur Witwen; Witwer scheint es im öffentlichen Raum nicht zu geben. Wahrscheinlich verdrängen die meisten Männer, die ihre Frau verloren haben, diesen Zustand, oder sie thematisieren ihn nicht. Keine Ahnung.

Nie werde ich den Tag vergessen, als ich meine Frau im Februar 2015 wegen Luftnot und Husten ins Krankenhaus gebracht habe. Sie hatte nicht-kleinzelligen Lungenkrebs im UICC-Stadium IV (TNM-Klassifikation: T3 N3 M1b), und wir wussten es seit 11 Monaten. Ein ziemlich neues Medikament namens GIOTRIF (Wirkstoff: Afatinib28 Tabletten kosten ca. 3000 €) konnte den Krebs zumindest für sechs Monate etwas aufhalten. Dann hatte sich der Krebs gewandelt, und GIOTRIF war wirkungslos.

Sie musste bereits einige Male ins Krankenhaus, und sie hatte jedes Mal (unnötigerweise) ihren Wohnungsschlüssel mitgenommen.

Diesmal hatte sie ihn nicht mitgenommen.

War das ein Omen? Ahnte sie bereits, dass sie das Krankenhaus nicht lebend verlassen würde?

Wahrscheinlich nur ein Zufall. Aber es beschäftigt mich, vielleicht zu viel.