Männer trauern anders

Dass Männer anders trauern, sieht man bereits an den Zahlen: in Trauergruppen sind meist nur Frauen (in meiner Gruppe bin ich der einzigste), in Trauerforen sind meist nur Frauen (ca. 90 bis 95 %), Trauerliteratur wird meist von Frauen geschrieben und gelesen und in der Sterbe- und Trauerbegleitung arbeiten ebenfalls meist nur Frauen.

Wie ist das mit den Männern? Die scheinen ja wirklich anders zu trauern. Da mich als Mann dieses Thema brennend interessiert, habe ich ein wenig im Internet recherchiert.

Dabei habe ich ein interessantes Interview gefunden, das ich hiermit teilen möchte (Link s. u.). Der Interviewte, Dr. Martin Kreuels, hat übrigens zwei Bücher (1, 2) über Männertrauer geschrieben. Laut seiner Aussage werden diese Bücher anscheinend vorwiegend von Frauen gelesen, und seine Lesungen werden zu 95% von Frauen besucht. Traurig, aber wahr.

Interview (fünf Teile, viabilia)

Siehe auch einen früheren Post von mir: „Das große Geheimnis: Männertrauer“.

Das große Geheimnis: Männertrauer

Ich lese gerade das Buch „Zeig mir deine Wunde – Geschichten von Verlust und Trauer“ von David Althaus.

Im Mittelpunkt dieses Buches stehen sechs Berichte von Frauen über den Tod eines Kindes oder Partners.

Ganz am Schluss gibt es einen Abschnitt mit dem Titel „Männertrauer“. Einige Zitate aus diesem Abschnitt:

  • Viele Männer zeigen nicht gerne Gefühle der Schwäche wie Traurigkeit, Angst oder Scham. Gefühle von Wut, Kraft oder Enthusiasmus dürfen sie dagegen öffentlich zur Schau stellen. Das zeigt sich bei jedem noch so unbedeutenden Fußballspiel.
  • Männer haben eine Scheu, ihre Emotionen zur Schau zu stellen. Ist das der Grund dafür, dass Männer in Trauergruppen stets in der Minderzahl sind, dass die meisten Bücher über Trauer von Frauen geschrieben und von Frauen gelesen werden? Was machen Männer mit ihren Gefühlen? Können sie sie einfach abschalten? Die meisten von ihnen ziehen sich in der Trauer zurück, und selbst mit dem Partner findet wenig Austausch über ihre Empfindungen statt.
  • In der Mehrzahl der Fälle zeigt sich ein ähnliches Muster. Aktive Frauen, die Gefühle zeigen, über sich sprechen, den Austausch suchen und sich damit befassen, wie sie das Andenken an den Verstorbenen pflegen wollen. Passive Männer, die sich zurückziehen, Ablenkung in der Arbeit suchen, das Gespräch vermeiden und nichts von ihrem Innenleben preisgeben.
  • Männer sind so erzogen, dass sie keine Emotionen zeigen „dürfen“. Frauen und Mädchen dürfen weinen, ohne dass dies als Schwäche ausgelegt wird. Schwäche zu zeigen ist schlecht! Männer wollen stark sein und Gefühle, die nach außen dringen, wären ein Zeichen von Schwäche.
  • Der Rang von Männern innerhalb sozialer Systeme ist unter anderem davon abhängig, Kontrolle, Konstanz und Stabilität zu demonstrieren. Daher ist es für Männer von zentraler Bedeutung, die Kontrolle nicht zu verlieren. Trauer nach außen zu zeigen, könnte aber einen Kontrollverlust nach sich ziehen, sie könnten von ihren Gefühlen fortgeschwemmt werden.
  • Männer sind Problemlöser und versuchen, nach Analyse von Ursachen, rationale Lösungen zu finden. Trauer entzieht sich aber in weiten Teilen der Rationalität und ist oft von unkontrollierbaren Gefühlen geprägt.
  • Frauen definieren sich über Beziehungen. Das Teilen und Mitteilen ist ihnen evolutionsbiologisch in die Wiege gelegt. Sie sind die Hüterinnen des Feuers und der Familie und damit seit den Anfängen der Menschheit die «Sozialarbeiterinnen» innerhalb der Familie.
  • Männer definieren sich stärker über Ergebnisse. Beziehungen sind gut, um ein Ergebnis zu erreichen oder gemeinsam eine Aktivität auszuüben. Der Steinzeitmann hat in der Gruppe gejagt, um besser Beute machen zu können. Reden über Beziehungen ist dabei nicht wichtig. Wichtig ist dagegen, schweigen zu können und hart gegen sich selbst zu sein, um ein Ziel zu erreichen.

Kein Wunder also, dass Männer früher sterben, wenn sie ihre Emotionen in sich hineinfressen …