Der 1. Geburtstag – ohne Geburtstagskind

Mehr als zweihundert Tage ist meine Frau nun tot.

Hat sich meine Trauer inzwischen abgeschwächt? Nein. Im Gegenteil, sie ist eher stärker geworden.

Die letzten knapp drei Monate waren für mich eine Quälerei. Jede Woche war ich mehrmals in irgendwelchen Arztpraxen, Notaufnahmen oder Ambulanzen. Ich, der eigentlich das ganze Leben lang nie ernsthaft krank war, war und bin nicht nur sehr traurig, sondern auch an Seele und Körper krank oder „verletzt“:

  • Einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans (inzwischen zur Hälfte vom Gehirn kompensiert)
  • Weißer Hautkrebs an der Stirn (zweimalig und letztlich erfolgreich weggeschnitten)
  • Angststörung mit leichter Depression und diversen somatoformen Störungen (Magendruck, Schwankschwindel, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen).

In Kürze ist nun der erste Geburtstag meiner Frau … ohne meine Frau. Die Familie meiner Tochter und ich feiern ihn so, wie wir ihn immer gefeiert haben – nur ein Platz wird leer bleiben. Ein Gedeck mit einer Kerze und einer Rose erinnert an meine Frau, die dort immer ihren Platz hatte – neben unserem Enkelkind. Das wird kein einfacher Geburtstag.

Nachtrag: Der Geburtstag ist vorbei. Es war schön, dass meine Tochter und mein Enkelkind da waren. Das Kaffeetrinken ohne meine Frau fühlte sich sehr irreal an. Das war auch schon so, als wir meinen Geburtstag feierten. Ich bin sicher: meiner Frau hätte dieser Geburtstag gefallen, wenn sie ihn erlebt hätte – sehr schönes Frühherbstwetter, schöne Blumen, leckeres Familien-Essen …

Zutiefst erschüttert

Meine Frau ist nun vor mehr als sechs Monaten gestorben.

Im Rückblick unterscheiden sich die ersten vier Monate gewaltig von den letzten zwei Monaten.

In den ersten vier Monaten war viel zu erledigen und zu organisieren, und ich habe prima „funktioniert“.

In den letzten Wochen war relativ wenig zu tun, aber meine Seele hat sich über diverse Kanäle mitgeteilt: Magendruck, Schwindel, Ohrgeräusche, Rückenschmerzen, Anspannung, Ängstlichkeit. Dazu kam unerwartet eine stärkere Traurigkeit als in den ersten Monaten.

Das hat mich zutiefst erschüttert. Auch deswegen, weil ich ja jetzt allein lebe. Sich krank zu fühlen, auch wenn es „nur“ somatoforme Störungen – sprich Stress-Symptome – sind, und (nach mehr als 25 Jahren) niemanden zu haben, mit dem man darüber reden kann, das war und ist hart.

Inzwischen geht es mir zwar wieder etwas besser, aber ich muss immer noch verloren gegangenes Vertrauen in meinen Körper zurückgewinnen. Um mich herum lachen Leute, sind fröhlich, unbeschwert – aber in mir ist das genaue Gegenteil …

Mein Körper will nicht mehr

Nach dem Tod meiner Frau habe ich vier Monate lang wunderbar funktioniert. Alles, was zu erledigen war, habe ich prima erledigt.

Nun will mein Körper nicht mehr.

Ich habe massiven Magendruck („ich kann mein Schicksal nicht verdauen“), verbunden mit starkem Schwindel („ich verliere den Boden unter den Füßen“).

In der Notaufnahme wurde nichts gefunden; die Blutwerte könnten nicht besser sein. Nur der Blutdruck war erhöht, aber das war für mich nicht verwunderlich. Diagnose: somatoforme Störung, bzw. eine Form des Roemheld-Syndroms. Jetzt bekomme ich Säureblocker für den Magen; die Betablocker wurden in der Dosis erhöht, und Mirtazapin soll für mehr Entspannung sorgen.

Allerdings ist mein Selbstvertrauen bzw. das Vertrauen in meinen Körper massiv angekratzt. Zusätzlich zu der Trauer um den Verlust meiner Frau macht mich das noch trauriger.

Ich versuche, weiter zu machen, den Haushalt zu machen, zu kochen, mich viel zu bewegen, trotz Schwindel, trotz Angst vor dem Essen und dem Magendruck. Alles andere wäre grundverkehrt, denn Schonung und Vermeidung würden die Angst und die Symptome nur noch schlimmer machen.