Stopp

Im Jahre 40 n. Chr. schrieb Seneca einen langen Brief (eine Trostschrift) an Marcia, die seit über drei Jahren sehr aktiv den Tod ihres Sohnes Metilius betrauerte. Nach üblichen Maßstäben fehlt diesem Trostbrief ein gewisses Mitgefühl gegenüber Marcias Trauer und Verlust. Seneca schreibt in Teil 8 über den allmählichen Rückgang der Trauer mit der Zeit:

VIII. Was natürlich ist, nimmt durch die Zeit nicht ab; den Schmerz jedoch verzehrt die lange Zeit. Mag er noch so hartnäckig sein, sich täglich neu erheben und gegen die Heilmittel aufbrausen, dennoch entnervt ihn die Zeit, das wirksamste Mittel, den Trotz zu bändigen. Zwar hält bei dir, o Marcia, auch jetzt noch die heftige Trauer an und scheint gleichsam schon eine harte Haut bekommen zu haben, zwar nicht so aufgeregt, wie sie bei Octavia war, aber doch hartnäckig und eigensinnig; und dennoch wird auch sie die Zeit nach und nach dir abnehmen. So oft du etwas anderes tust, wird sich dein Gemüt erholen: jetzt hast du nur dich selbst im Auge und hängst deinem Schmerze nach.

Seneca fordert Marcia sogar auf, dass sie nicht passiv warten solle, bis die Trauer von allein langsam verschwindet, sondern dass sie doch ihre Trauer aktiv beenden solle:

Es ist aber ein großer Unterschied, ob du dir zu trauern erlaubst oder gebietest. Um wieviel mehr aber geziemt es der Schönheit deines Charakters, der Trauer lieber ein Ende zu machen, als es abzuwarten, und nicht auf den Tag zu harren, wo der Schmerz wider deinen Willen aufhört? Entsage ihm selbst.

Diese Passage hat mich nachdenklich gemacht, denn so einen Ratschlag liest man heute in der Standard-Trauerliteratur nirgends: willentlich der Trauer zu entsagen.

Nach nunmehr 1¾ Jahren Trauer und Tränen bin ich in der Öffentlichkeit selten traurig und weine schon viel länger nicht mehr in der Öffentlichkeit. In letzter Zeit weine ich auch zu Hause nur noch selten.

Ich habe mich daher heute entschlossen — nach 1¾ Jahren Trauer und Tränen, mir bei aufkommender Traurigkeit und Tränen innerlich ein „Stopp“ zu sagen.

stopp-trauer

Zumindest werde ich das zukünftig versuchen. Ganz wie Seneca es Marcia empfiehlt. In einem Kalender werde ich diese Fälle und das Resultat notieren.

Ein anderer Vertreter des Stoizismus, Marc Aurel, sagte:

Wie die Gedanken sind, die du am häufigsten denkst, ganz so ist auch deine Gesinnung. Denn von den Gedanken wird die Seele gesättigt.

Traurige Gedanken erzeugen traurige Gefühle. Ein bewusster Stopp der Gedanken kann dies unterbrechen. Das heißt nicht, dass ich meine verstorbene Frau vergessen will. Oder dass ich sie nicht mehr liebe.

Aber es ist nun an der Zeit, der spontanen Traurigkeit, den spontanen Tränen, in der/denen auch viel Selbstmitleid steckt, willentlich ein Ende zu machen. Dies ist auch ein Teil der Transformation meines vergangenen Lebens zu zweit in mein zukünftiges Leben allein.


Nachtrag 22.1.2017:

Die Idee mit dem Trauer-„Stopp“ hat sich als keine gute Idee erwiesen. Es war einfach zu früh.

Nachtrag 2019:

Inzwischen, nach mehr als 3-4 Jahren, halte ich die oben dargestellte Methode durchaus für angebracht und praktikabel.


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Seneca über Leben und Tod

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Wie töricht ist es, Pläne für das ganze Leben zu machen,
da wir doch nicht einmal Herren des morgigen Tages sind.

Leben muß man das ganze Leben hindurch lernen,
und was vielleicht noch sonderbarer klingt:
all seine Lebtage muß man sterben lernen.

Nicht den Tod fürchten wir,
sondern die Vorstellung des Todes.

Im Grunde gibt es für die Menschen nur ein Unglück,
nämlich die Umstände und Ereignisse als Unglück anzusehen.

Die erste Stunde unseres Lebens ist auch die erste Stunde unseres Sterbens.

Arbeite, als wenn du ewig leben würdest.
Liebe, als wenn du heute sterben müßtest.

Wer den Tod ablehnt, lehnt das Leben ab.
Denn das Leben ist uns nur mit der Auflage des Todes geschenkt;
es ist sozusagen der Weg dahin.

Wenn einer die Toten bemitleidet,
so muß er auch die noch nicht Geborenen bemitleiden.

Wer darüber klagt, daß jemand gestorben ist,
klagt darüber, daß er ein Mensch gewesen ist.

Jener Todestag, den du fürchtest, als sei er das absolute Ende,
ist dein Geburtstag zum ewigen Leben.

Wie lange ich lebe, liegt nicht in meiner Macht;
dass ich aber, solange ich lebe, wirklich lebe, das hängt von mir ab.

Das größte aller Übel ist,
aus der Zahl der Lebenden zu scheiden, ehe man stirbt.

Lucius Annaeus Seneca

Ratschlag von Seneca

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In seiner Trostschrift an Polybius, dessen Bruder gestorben war, gibt der römische Philosoph Seneca ihm Ratschläge, wie die Trauer überwunden werden kann.

Seneca meint, dass, obwohl die reine Vernunft nicht in der Lage ist, unsere Trauer völlig auszulöschen, diese jedoch die Macht hat, alles zu beenden, „was übertrieben und überflüssig ist“.

Seneca versucht über eine vernunftmäßige Argumentation, Polybius‘ Trauer-Schmerz zu heilen.

Er argumentiert, dass sein toter Bruder es entweder wollen würde oder nicht wollen würde, dass Polybius in tiefer Trauer ist.

Wenn sein liebloser toter Bruder es wollen würde, dass Polybius in Trauer leidet, dann ist er der Tränen nicht wert, und Polybius sollte aufhören zu weinen.

Wenn sein liebevoller toter Bruder es wollen würde, dass Polybius nicht in Trauer leidet, dann ist es die Sache von Polybius, wenn er seinen Bruder liebt und respektiert, dass er das Weinen beendet.

In beiden Fällen ist also das Trauern und das Vergießen von Tränen überflüssig.

Quelle und Originalzitat in deutscher Übersetzung aus dem Lateinischen:
Lucius Annaeus Seneca: Trostschrift an Polybius (Ad Polybium de consolatione), V, 2.

Entweder wünscht dein Bruder, daß du dich mit nie versiegenden Tränen abquälst, dann ist er dieses Gefühls deines Herzens für ihn unwürdig, oder er wünscht es nicht, dann lass den für euch beide überflüssigen Kummer; ein liebloser Bruder verdient und ein liebevoller wünscht nicht, daß man sich so nach ihm sehne. Bei diesem aber, dessen Liebe so erprobt ist, ist als gewiß anzunehmen, daß ihm nichts schmerzlicher sein kann, als wenn dir sein Tod schmerzlich ist.