Den Kampf beenden

Aus einem sehr aktuellen Selbsthilfe-Buch – paradox, aber Kampf ist eben eine schlechte Strategie:

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Gefühle und Bedürfnisse

Gefühle sind die Sprache unserer Bedürfnisse. Vielen ist dieser Zusammenhang oft nicht bewusst.

Einige Beispiele:

Trauer ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Verbundenheit.
Angst ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Sicherheit.
Ärger ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Kooperation.
Wut ist Ausdruck des unerfüllten Bedürfnisses nach Anerkennung.

Für die Gesundheit sind die achtsame Wahrnehmung der negativen Gefühle und die Erfüllung der dahinter liegenden unerfüllten Bedürfnisse sehr wichtig.

Das Vermeidungs- und Abwehrverhalten gegenüber Gefühlen erzeugt Stress und Anspannung und auf lange Sicht psychosomatische Störungen.

Was unangenehme Gefühle am meisten nährt, ist Widerstand.
Je mehr Gefühle abgelehnt werden, desto hartnäckiger bleiben sie.

Die vollständige Akzeptanz der unangenehmen Gefühle entzieht ihnen die Macht und bewahrt vor negativen Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit.

Irrationale Vorstellungen

Der amerikanische Psychologe Albert Ellis entwickelte die „Rational-Emotive Verhaltenstherapie“ (REVT).

Ziel ist es, irrationale Vorstellungen und Bewertungen zu erkennen und nachhaltig zu verändern, denn eine Vielzahl von Störungen im psychischen und psychosomatischen Bereich haben ihre Ursache in irrationalen Überzeugungen.


Albert Ellis (1913-2007)

Nachfolgend die wichtigsten irrationalen Ideen und deren rationalen Alternativen.

Erkennen Sie sich in einigen dieser Vorstellungen wieder?


Irrationale Idee Nr. 1
(absolutistische Forderung nach Anerkennung und Liebe)
Ich muss von jedermann – zumindest von jeder Person, die mir etwas bedeutet – nahezu immer geliebt, geschätzt oder anerkannt werden; wenn dies nicht der Fall ist, so wäre das schrecklich.

Beispiele:
„Ich habe Angst, ihn darum zu bitten.“ (denn er könnte ablehnen und das hieße: mich ablehnen)
„Ich kann mich nicht durchsetzen.“ (weil ich Ablehnung nicht ertrage)
„Ich kann mich doch nicht lächerlich machen.“ (denn das wäre schrecklich)
„Ich hasse es, in Unfrieden zu leben.“

Rationale Alternative Nr. 1
Es ist wünschenswert, von anderen Menschen geschätzt zu werden. Ich bin jedoch nicht auf die Wertschätzung anderer Personen unbedingt angewiesen. Ich kann mich selbst achten und akzeptieren.


Irrationale Idee Nr. 2
(absolutistische Forderung nach Perfektionismus, Erfolg)
Ich bin ein Mensch ohne Wert, wenn ich mich nicht in allem – oder zumindest auf einem wichtigen Gebiet – überaus kompetent, tüchtig oder erfolgreich erweise.

Beispiele:
„Was bin ich doch für ein Trottel!“
„Ich muß stolz auf mich sein können.“

Rationale Alternative Nr. 2
Ich bin ein Mensch mit Fehlern und kann mich als solcher akzeptieren, auch wenn ich mich so verhalte wie ich es nicht mag. Ich konzentriere mich auf die angenehmen Seiten meiner Aktivitäten anstatt alles immer unter dem Gesichtspunkt des Erfolges, der Belohnung oder des Lobes zu sehen.


Irrationale Idee Nr. 3
(absolutistische Forderung nach fairem/gutem Verhalten anderer Leute)
Wenn andere Menschen unfair oder schlecht handeln, sollte man sie streng zurechtweisen und bestrafen, denn sie sind böse und verdorbene Menschen.

Beispiele:
„So kann er doch nicht mit mir umspringen.“
„Dieses Schwein!“
„Das zahl ich dir heim!“
„Mit so einem Kerl würde ich kein Wort mehr sprechen.“

Rationale Alternative Nr. 3
Weil Menschen fehlbare Wesen sind, können sie unfair und schlecht handeln. Sie tun dies häufig aus Unwissenheit oder auf Grund psychischer Störungen. Statt sie zu bestrafen, helfe ich ihnen besser, in Zukunft anders zu handeln.


Irrationale Idee Nr. 4
(absolutistische Forderung nach einem perfekten angenehmen Leben)
Es ist schrecklich und eine Katastrophe, wenn die Dinge nicht so sind, wie ich sie gerne hätte.

Beispiele:
„Ohne meine Frau hätte mein Leben keinen Sinn.“
„Nichts macht mir mehr Spaß.“
„Das halte ich nicht aus.“
„Die Welt ist zum Kotzen.“
„Mein Gott, wenn das so weiter geht…“

Rationale Alternative Nr. 4
Es ist wirklich bedauerlich, wenn die Dinge so sind, wie wir es nicht mögen und es ist ratsam, die verantwortlichen Bedingungen zu ändern. Wenn eine Änderung aber nicht möglich ist, so ist es besser, dies zu akzeptieren.


Irrationale Idee Nr. 5
(übertriebene Sorge)
Ich muss mir große Sorgen machen oder mich sehr ängstigen angesichts von Ereignissen, die möglicherweise gefährlich sein können.

Beispiele:
„Ich muss dauernd daran denken, dass…“
„Oh mein Gott, wenn mir … passiert.“

Rationale Alternative Nr. 5
Das Leben besteht zu großen Teilen aus Risiko. Ich kann nicht alles kontrollieren. Besser den Gefahren ins Gesicht schauen und sie ruhig bekämpfen, als sich ständig zu beunruhigen.


Irrationale Idee Nr. 6
(geringe Frustrationstoleranz)
Es ist leichter, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen, als sich ihnen zu stellen. Ich muß mich immer wohl fühlen und darf keinerlei Schmerz ertragen müssen.

Beispiele:
„Das ist mir zu unangenehm.“
„Das schaff ich einfach nicht.“
„Dann hab ich ja gar nichts mehr vom Leben.“
„Ach ich bleibe lieber zuhause.“

Rationale Alternative Nr. 6
Der sogenannte leichte Weg ist oft der schwerere. Unannehmlichkeiten kann man ertragen, auch wenn man sie niemals mögen wird.


Irrationale Idee Nr. 7
(absolutistische Forderung nach einer schönen Welt)
Die Welt sollte fair und gerecht sein.

Beispiele:
„Das habe ich nicht verdient.“
„Das ist ja unglaublich, nein!“
„Wie kannst du nur so mit mir umspringen!.“
„Das ist eine bodenlose Gemeinheit!“

Rationale Alternative Nr. 7
Die Welt ist so, wie sie sein muss. Ich kann sie zu verändern trachten, aber es gibt keinen Grund, warum sie anders sein sollte.


Siehe auch:
Negatives Denken – woran man es erkennt
ABC der Gefühle – wie Gedanken und Gefühle zusammenhängen

Zwischenbilanz nach 30½ Monaten

Anfang dieses Jahres – zwei Jahre nach dem Tod meiner Frau – war ich ziemlich überzeugt, dass das Schlimmste hinter mir liegt.

„Schlimmste“ ist eigentlich Quatsch, da dieses Wort eine Bewertung meiner Trauer und anderer Gefühle beinhaltet. Warum sollte Trauer eigentlich als „schlimm“ und inhärent negativ eingestuft werden? Eigentlich ist es doch das Natürlichste auf der Welt. Es sind zudem einfach nur Gefühle, und die Bewertung verschlimmert das Ganze zumeist auch noch. Das nennt man dann Teufelskreis. Was ich fühle, ist was ich fühle. Punkt. Auch nach über 30 Monaten. Andere verstehen das nicht.

Diese mehr oder minder eingebildete Überzeugung, dass ich „es“ langsam geschafft haben müsste, hat sich natürlich (wieder einmal) als gewaltiger Irrtum herausgestellt. Als unser Enkelkind sechs wurde, als es dann einige Zeit später in die Schule kam, und die Omi nicht dabei war, da hat es mich vorher, am Tag selbst und danach wirklich emotional aus dem mühsam gewachsenen Gleichgewicht geworfen. Dazu kam der verregnete Sommer und auch noch massive psychovegetative Spielchen, die mir Seele (und Körper) immer wieder von Zeit zu Zeit spielen. Wahrscheinlich weil ich meine Gefühle innerlich ablehne.

Fazit: Das dritte Trauerjahr, von dem jetzt mehr als die Hälfte um ist, war bislang und ist kein Lichtblick für mich. Das Einzigste, was positiv heraussticht, ist, dass mir meine Hobbies wieder Spaß bereiten. Ich bin aber mit meinem Leben nicht zufrieden. Ich ergebe mich zwar nicht passiv meinem Schicksal. Ich probiere vieles, und verwerfe vieles. Wie schrieb ich vor zwei Wochen: Das Leben ist für mich einfach noch nicht „stimmig“.

Vielleicht bin ich zu sehr Perfektionist. Vielleicht sollte ich einfach das Leben mal „laufen lassen“. Ohne zwanghafte Suche. Ohne permanente Optimierung. Einfach den Denkapparat mal abschalten, und gemäß dem Motto: „Heute wird gelebt!“.

Der 1. Geburtstag – ohne Geburtstagskind

Mehr als zweihundert Tage ist meine Frau nun tot.

Hat sich meine Trauer inzwischen abgeschwächt? Nein. Im Gegenteil, sie ist eher stärker geworden.

Die letzten knapp drei Monate waren für mich eine Quälerei. Jede Woche war ich mehrmals in irgendwelchen Arztpraxen, Notaufnahmen oder Ambulanzen. Ich, der eigentlich das ganze Leben lang nie ernsthaft krank war, war und bin nicht nur sehr traurig, sondern auch an Seele und Körper krank oder „verletzt“:

  • Einseitiger Ausfall des Gleichgewichtsorgans (inzwischen zur Hälfte vom Gehirn kompensiert)
  • Weißer Hautkrebs an der Stirn (zweimalig und letztlich erfolgreich weggeschnitten)
  • Angststörung mit leichter Depression und diversen somatoformen Störungen (Magendruck, Schwankschwindel, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen).

In Kürze ist nun der erste Geburtstag meiner Frau … ohne meine Frau. Die Familie meiner Tochter und ich feiern ihn so, wie wir ihn immer gefeiert haben – nur ein Platz wird leer bleiben. Ein Gedeck mit einer Kerze und einer Rose erinnert an meine Frau, die dort immer ihren Platz hatte – neben unserem Enkelkind. Das wird kein einfacher Geburtstag.

Nachtrag: Der Geburtstag ist vorbei. Es war schön, dass meine Tochter und mein Enkelkind da waren. Das Kaffeetrinken ohne meine Frau fühlte sich sehr irreal an. Das war auch schon so, als wir meinen Geburtstag feierten. Ich bin sicher: meiner Frau hätte dieser Geburtstag gefallen, wenn sie ihn erlebt hätte – sehr schönes Frühherbstwetter, schöne Blumen, leckeres Familien-Essen …

Zutiefst erschüttert

Meine Frau ist nun vor mehr als sechs Monaten gestorben.

Im Rückblick unterscheiden sich die ersten vier Monate gewaltig von den letzten zwei Monaten.

In den ersten vier Monaten war viel zu erledigen und zu organisieren, und ich habe prima „funktioniert“.

In den letzten Wochen war relativ wenig zu tun, aber meine Seele hat sich über diverse Kanäle mitgeteilt: Magendruck, Schwindel, Ohrgeräusche, Rückenschmerzen, Anspannung, Ängstlichkeit. Dazu kam unerwartet eine stärkere Traurigkeit als in den ersten Monaten.

Das hat mich zutiefst erschüttert. Auch deswegen, weil ich ja jetzt allein lebe. Sich krank zu fühlen, auch wenn es „nur“ somatoforme Störungen – sprich Stress-Symptome – sind, und (nach mehr als 25 Jahren) niemanden zu haben, mit dem man darüber reden kann, das war und ist hart.

Inzwischen geht es mir zwar wieder etwas besser, aber ich muss immer noch verloren gegangenes Vertrauen in meinen Körper zurückgewinnen. Um mich herum lachen Leute, sind fröhlich, unbeschwert – aber in mir ist das genaue Gegenteil …

Mein Körper will nicht mehr

Nach dem Tod meiner Frau habe ich vier Monate lang wunderbar funktioniert. Alles, was zu erledigen war, habe ich prima erledigt.

Nun will mein Körper nicht mehr.

Ich habe massiven Magendruck („ich kann mein Schicksal nicht verdauen“), verbunden mit starkem Schwindel („ich verliere den Boden unter den Füßen“).

In der Notaufnahme wurde nichts gefunden; die Blutwerte könnten nicht besser sein. Nur der Blutdruck war erhöht, aber das war für mich nicht verwunderlich. Diagnose: somatoforme Störung, bzw. eine Form des Roemheld-Syndroms. Jetzt bekomme ich Säureblocker für den Magen; die Betablocker wurden in der Dosis erhöht, und Mirtazapin soll für mehr Entspannung sorgen.

Allerdings ist mein Selbstvertrauen bzw. das Vertrauen in meinen Körper massiv angekratzt. Zusätzlich zu der Trauer um den Verlust meiner Frau macht mich das noch trauriger.

Ich versuche, weiter zu machen, den Haushalt zu machen, zu kochen, mich viel zu bewegen, trotz Schwindel, trotz Angst vor dem Essen und dem Magendruck. Alles andere wäre grundverkehrt, denn Schonung und Vermeidung würden die Angst und die Symptome nur noch schlimmer machen.