Als Mann über Trauer reden

Als Witwer über (die eigene) Trauer reden: das gibt es eigentlich nicht. Die Familie (Tochter, Schwiegersohn, Enkelin) will ich damit nicht belästigen. Selbst mit guten Freunden, sofern man (noch) welche hat, möchte man nicht über Trauer sprechen. Und schon gar nicht nach mehr als einem Jahr, denn da muss ja nun mal „genug sein“. Wer bleibt da noch?

Witwen sind da sicher anders: die öffnen sich ihren Freundinnen leichter und die verfügen zumeist über ein mehr oder minder großes Netzwerk von Menschen, die für die Trauer ein Ohr haben. Keine Ahnung, ob der letzte Satz stimmt, aber das ist so mein Eindruck.

Also muss man die Trauer irgendwie allein bewältigen. Ja, man könnte die Telefonseelsorge anrufen, aber so schlimm ist ja nun auch nicht.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich fast die ganze letzte Woche ziemlich traurig war. Trotz aller Tricks aus der Psycho-Kiste, trotz Stimmungsaufheller, trotz Restaurant- und Eisdielen-Besuch, trotz genügend Bewegung (Sport war nicht möglich wegen der enormen Hitze), trotz sonniger und langer, heller Tage – alles ist doch freudlos, sinnlos.

Ich habe in dieser Woche wohl keine fünfzig Sätze geredet: Friseur, Nachbarn, Verkäufer, Bedienung. Ich spule gewisse Standard-Tagesabläufe herunter, konsumiere Mahlzeiten und Medien, ärgere mich über Nachrichten und den Zustand dieser kaputten Welt, schaute EM, schaue Tour de France, werde Olympia schauen, dazwischen ein Buch, ein Film, dann wieder mal Einkaufen, Putzen, Internet und natürlich 10.000 Schritte gehen oder power-walken, und das ganze von vorn, zwischendurch sieben bis acht Stunden Schlaf.

Urlaubsreisen, Hobbies: ja die gab es. Aber die Lust dazu ist komplett verflogen.

Keine Ahnung, was aus mir werden soll. Ich muss mich neu erfinden. Muss ich das?

Zumindest ist mein Leben stressarm. Habe ich mir das nicht öfter früher gewünscht?

Auf dem Flughafen

Heute war ich auf dem Flughafen.

Plötzlich musste ich daran denken, wie meine Frau und ich im letzten Dezember eine Verwandte meiner Frau zum Flughafen begleitet hatten.

Es war das letzte Mal vor ihrem Tod, dass meine Frau auf dem Flughafen war.

Meine Frau und ihre Verwandte hatten sich noch lange unterhalten, da bis zum Abflug noch viel Zeit war. Ich erinnerte mich heute auch genau an den Ort, wo sie saßen.

Heute verspürte ich einen starken Drang, an diesen Ort zurückzukehren.

Aber meine Frau war nicht dort.

Ich bin traurig nach Hause gefahren.

Und die Wohnung war wie immer leer.

Es ist vorbei

Meine Frau ging immer gern im nahen Park spazieren. Immer eine Stunde lang. Für sie war diese Stunde in der Natur sehr wichtig.

Im letzten Lebensjahr meiner Frau wollte sie aber nicht mehr den nicht sonderlich schönen Weg zum und vom Park gehen, sondern die Zeit vollständig im Park verbringen. Ich habe sie also immer mit dem Auto zum Park gefahren und ca. eine Stunde später wieder abgeholt. Ich hatte oft Angst, dass meine Frau wegen eines gesundheitlichen Problems nicht zum Auto zurückkommt. Ihr Handy wollte sie nicht mitnehmen. Aber zum Glück ist nie so etwas passiert.

Bei jedem Wetter, auch bei Regen, Sturm, Schneefall, hat sie ihren Spaziergang gemacht. Sie war ein sehr autonomer Mensch und wollte ihre Unabhängigkeit bis zum Schluss behalten. Nur die letzten drei Wochen vor ihrem Tod konnte sie nicht ihren Spaziergang machen.

Heute, wenn ich wieder an der Stelle am Park, an der ich meine Frau immer abgesetzt und später abgeholt hatte, vorbeikomme, erinnere ich mich immer noch sofort an meine Frau und ihren Spaziergang.

Manchmal denke ich sogar, dass sie doch gleich aus dem Park kommt. Aber das ist eine Illusion …

Sie wird nie wieder dort spazierengehen. Es ist vorbei.